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Aus der Praxis
- für die Praxis - Der Aufbau einer Choralschola
Das Interesse am Gregorianischen Choral nimmt in den letzten Jahren erfreulicherweise
merkbar zu. Ob es als positiv zu bewerten ist, daß diese Bewegung auch
durch Choral in den Hitparaden unterstützt wird, mag dahingestellt bleiben.
Auf jeden Fall ist es gut, daß immer mehr Menschen etwas mit dem Begriff
"Gregorianik" anfangen können und selbst spüren, welche Kraft diese Musik
enthält.
Erste Überlegungen
Bevor ein Chorleiter beschließt, eine Schola zu gründen, müssen ihm selbst
einige Punkte klar sein:
- Will er eine reine Frauen- oder Männerschola oder eine gemischte Gruppe?
- Will er eine Schola mit rein liturgischer Zielsetzung oder mit rein
konzertanten Absichten? (Wobei das eine das andere nicht ausschließt.)
Die erste Frage allein dürfte schon Anlaß für einige Diskussionen sein,
sei es aus klanglichen Erwägungen - eine gemischte Gruppe würde ja stets
in "Oktavparallelen" singen -, sei es aus anderen gruppeninternen Überlegungen.
Der Autor hat sich für eine gemischte Gruppe entschieden, u.a. weil die
"Oktavparallelen" auch in mittelalterlichen Klosterschulen zu hören waren,
wenn ältere und jüngere Schüler gemeinsam gesungen haben. Aber (und das
ist viel entscheidender): Warum soll man Frauen, die sich auf diesem Gebiet
engagieren wollen, aus heute nicht mehr verständlichen Gründen wie "Choral
ist nur etwas für Männer" vor den Kopf stoßen? Ein wesentlicheres Argument
für eine "eingeschlechtliche" Schola wäre schon die innere Struktur der
Gruppe. In einer Gemeinde, in der es keine Jugendarbeit gibt, ist eine
Schola eine Möglichkeit, Jugendliche ins Gemeindeleben einzubinden. Der
Autor hat die Erfahrung gemacht, daß man zwar in Singgruppen für "Neues
Geistliches Lied" - ohne darüber nachzudenken - junge Frauen und Männer
aufnehmen kann, daß aber Jugendliche, die sich mit Choral beschäftigen,
lieber unter ihresgleichen singen. Hat das vielleicht damit zu tun, daß
der Einzelne beim einstimmigen Singen in der Gruppe sehr viel genauer
gehört werden kann und man sich nicht vor den anderen "blamieren" möchte?
(Wie gesagt: Das ist eine Erfahrung in einer Gemeinde. Woanders kann das
durchaus ganz anders sein.) Man wird diese Entscheidung unter Berücksichtigung
der Situation in der eigenen Gemeinde und nicht nach irgendwelchen anderen
Kriterien treffen müssen, ebenso wie die Frage nach der Altersstruktur
innerhalb der Schola.
Die zweite Frage: Musikstudenten, die in den musikwissenschaftlichen
Vorlesungen etwas über Gregorianik hören und sich mehr mit der Materie
beschäftigen möchten, finden sich oft zu einer Schola zusammen. Diese
Gruppen binden sich dann aber eher nicht an eine Kirchengemeinde, sei
es, weil sonst keine religiösen Interessen da sind, sei es, weil die Gruppe
während der Semesterferien nicht singfähig wäre. Solche Gruppen werden
sich wohl eher darauf konzentrieren, die Ergebnisse ihrer Probenarbeit
in Konzerten vorzustellen. Plant dagegen ein Kirchenmusiker die Neugründung
einer Schola, so wird er natürlich zuerst an Auftritte im liturgischen
Rahmen denken. Viele Schwierigkeiten fallen für ihn weg, so z.B. einen
Auftrittsort und eine Auftrittszeit sowie Probenräume zu finden. Probleme
könnte allerdings der Pfarrer der Gemeinde bereiten, da es doch immer
wieder Priester gibt, die sich gegen die Verwendung lateinischer Gesänge
(oder überhaupt anderer Musik als Gemeindelieder) im Gottesdienst stellen
und dazu uninteressiert sind, sich mit Ungewohntem oder "Neuem" zu beschäftigen.
Der beste Wille des Musikers dürfte bei einem solchen Dienstherrn vergeblich
sein. In diesem Fall kann er sich mit dem Gedanken anfreunden, die Zielsetzung
der Gruppe mehr in den konzertanten Bereich zu legen oder sich mit seiner
Schola von Musikerkollegen in andere Gemeinden einladen zu lassen.
Werbung von Sängern
Die wohl einfachste Art, Mitsänger zu gewinnen, wird es zunächst sein,
im eigenen Gemeindechor Interessierte anzusprechen. So kann man sich auch
sicher sein, daß zumindest einige der "Neuanfänger" schon ein wenig mit
ihrer Stimme umzugehen wissen. Unterstützt durch eine entsprechend werbende
Vermeldung des Pfarrers am Ende der Gottesdienste dürfte man nun schon
eine arbeitsfähige Gruppe haben. Erfreulicherweise ist gerade bei jungen
Erwachsenen das Interesse an Gregorianik sehr groß. Deshalb kann man auch
durch einen Aushang in Studentenwohnheimen oder auch in den Fachbereichen
für Musik(wissenschaft) an Universitäten und Hochschulen durchaus Interessenten
gewinnen.
Eine Schwierigkeit könnte allerdings auftreten, wenn man Sänger zu seiner
Schola bittet, die schon in früheren Zeiten Choral gesungen haben. Es
wird einige Überzeugungs- und Probenarbeit kosten, ihnen zu zeigen, daß
es sich lohnt, sich intensiv mit der Semiologie zu beschäftigen; sind
sie doch aus ihrer früheren Praxis oftmals gewohnt, die Gesänge 10 Minuten
vor dem Gottesdienst "noch einmal schnell durchzusingen”.
Probentermin
Schon um zu zeigen, daß diese "10-Minuten-Lösung" kein ernstzunehmender
Arbeitsstil sein kann, sollte man, soweit es irgend möglich ist, für die
Schola einen eigenen Probentermin finden. Um im Bewußtsein der Sänger
deutlich zu machen, daß die Schola eine eigene, selbständig arbeitende
Gruppe ist (nicht nur ein "Anhängsel" eines großen Chores), wäre es auch
von Vorteil, für die Probe einen eigenen Abend zu reservieren - und nicht
etwa nur die Stunde vor oder nach der Gesamtprobe des Chores, auch wenn
dies zusätzliche Termine und Wege bedeutet. Es ist wohl nicht nötig zu
sagen, daß nur die regelmäßige wöchentliche Arbeit Aussicht auf Erfolg
verspricht. Probt man schon mit einem "normalen" Laienchor ein eher konventionelles
Repertoire einmal wöchentlich, so bedarf er dieser Regelmäßigkeit bei
einer so differenzierten und für den Sänger ungewohnten Musik wieder der
Gregorianik um so mehr.
Repertoire für den Anfang
Beginnt man mit einer Schola quasi aus dem Nichts, so muß der Leiter sich
darüber im klaren sein, wieviel Neues auf die Sänger zukommt: ungewöhnlich
viel fremdsprachiger Text, eine neue Notenschrift (eigentlich sind es
zwei: die Quadratnotation für den Melodieverlauf und die Neumen für die
Agogik), ungewohnte Tonalität und Melodik in der Einstimmigkeit ... Es
wird verschiedene Lösungswege geben, wie man eine Schola langsam dazu
führt, sicher mit Text und Neumen umzugehen. Man könnte zunächst eher
syllabische Kompositionen finden, die von der Stimme einfacher zu realisieren
sind und die Textgestalt in den Vordergrund stellen - man könnte aber
auch melismatische Stücke auswählen, weil hier gerade die melodische Gestalt
ganz im Vordergrund steht. Beide Wege geben genügend Möglichkeit zu konzentrierter
Arbeit. Man sollte nur eine Frage nicht außer Acht lassen: Wann werden
die Stücke aufgeführt? Schließlich probt kein Sänger nur um des Probens
willen.
Der Autor hat sich in mehreren Gemeinden bei der Neugründung einer Schola
für folgenden Weg entschieden und damit sehr gute Erfahrungen gemacht:
Man sucht sich das Proprium eines Sonntags, der zeitlich noch weit genug
entfernt ist, um Zeit für etwa 10 Proben zu haben. (Bei uns war es der
4. Adventssonntag, was zwei Vorteile hatte: erstens treffen besonders
schöne Vertonungen besonders eindrucksvoller Texte, zweitens konnte das
Erarbeitete an einem Werktag nach dem 4. Advent in der nur mit Kerzen
beleuchteten Kirche gleich noch einmal gesungen werden - "Rorate-Messe"
-, was bei Sängern und Gottesdienstbesuchern gleichermaßen einen tiefen
Eindruck hinterließ).
Bei der Auswahl des Sonntags kann man natürlich auf die Bedürfnisse der
eigenen Gemeinde (Wann paßt es, Choral zu singen?) wie auch der Schola
(Wann haben wir im Gottesdienst eine für unseren ersten Auftritt wohlwollende
Gemeinde als Zuhörer?) Rücksicht nehmen. In der Zeit der Erarbeitung kann
man einen oder zwei Probenabende reservieren, um einen allgemeinen Einführungsvortrag
zu Geschichte und Entwicklung des Gregorianischen Chorals und seiner Notation
zu halten (oder von einem kompetenten Fachmann halten zu lassen). Man
wird staunen, auf welch waches Interesse gerade die Darstellung der Entwicklung
der Notation stößt. Und wenn man diese Veranstaltung bewußt auf Gemeindeebene
ankündigen läßt (nicht nur für die Scholamitglieder), könnte man nicht
nur wieder einige Neugierige zu Mitsängern machen, sondern auf jeden Fall
gewogene Zuhörer bei den Auftritten der Schola gewinnen.
Semiologie - aber wie?
Wahrscheinlich (hoffentlich!) hat jeder Kirchenmusiker im Laufe seine
Studiums einmal erlebt, wie mitreißend und begeisternd es sein kann, wenn
selbst unter der Leitung eines erfahrenen und wissenden Dirigenten Choral
singt, eines Dirigenten, der die Feinheiten der Semiologie mit Liebe und
Begeisterung zu vermitteln versteht. Diese Liebe und Begeisterung weiterzugeben,
wird eine der Hauptaufgaben des Leiters sein. Aber es kommt auf die Dosis
an. Erstaunlicherweise kann man immer wieder feststellen, daß selbst schwierigste
Melodien aus dem gregorianischen Repertoire von einer Schola verhältnismäßig
schnell verstanden und gesungen werden können - solange man sich auf die
Quadratnotation beschränkt.
Die Arbeit geht erst dann richtig los, wenn man sich bemüht, Sinn aus
den "kosmischen Steno-Zeichen" abzuleiten, die für den Anfänger ja nichts
als ein unüberschaubares Wirrwarr sind. (Es gibt leider auch Sänger, die
sich strikt weigern, diesen Arbeitsschritt mitzugehen - und dann ist in
der Tat zu überlegen, ob es nicht der geringere Verlust wäre, sich auf
freundliche Weise wieder von ihnen zu trennen!) Um dieses Wirrwarr ganz
allmählich durchschaubar zu machen, hat sich der Autor für folgenden Weg
entschieden: Jeder Sänger hat eine Überssicht über alle gebräuchlichen
Neumenzeichen mit ihrer "Übersetzung" in die Quadratnotation und der Angabe
ihres Namens. Ein vergrößertes Exemplar steht zudem immer während der
Probe auf dem Notenpult. Vor der Probe stellt der Leiter das Thema vor:
"In den nächsten Proben werden wir uns nur Pes-Gruppen in ihren verschiedenen
Formen ansehen." Und während des Singens weist man immer wieder auf einen
auftauchenden Pes hin, erläutert die verschiedenen graphischen Formen,
singt viel vor und läßt noch mehr nachsingen.
Diese Form der Arbeit läßt sich am besten umsetzen, wenn die Noten möglichst
groß (kopiert) auf einem für alle Sänger sichtbaren Blatt vor der ganzen
Gruppe stehen. Nach einigen Proben setzt man sich die Betrachtung einer
anderen Neumengruppe und deren sängerische Realisierung zur Aufgabe. Dieser
Weg verlangt zwar, daß man als Leiter darüber hinwegsehen muß, daß es
bei vielen anderen Neumen zwischendurch "nicht stimmt”, aber es ist ja
ein "Noch nicht" aus pädagogischen Gründen. Dies ist bestimmt nicht die
einzige, aber eine funktionierende Möglichkeit, Anfänger ganz allmählich
in die Kunst des Singens Gregorianischer Gesänge nach semiologischer Vorlage
einzuführen. Und wenn der Leiter das Gefühl hat, daß die Schola ein Stück
gut kann (aber auch erst dann!), kann er den Text aufschreiben, die Neumen
übertragen und die Schola aus diesem Blatt - ohne Quadratnoten! - singen
zu lassen.
Und die Erfahrung zeigt: Sie kann es! Die Mitsingenden werden sicherlich
staunen und sich freuen, daß so etwas anfänglich Unvorstellbares klappt!
Stefan Rauh
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