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Liturgie und Musik
in der Karolingerzeit
von Paul Thissen (Auszug)
Den gesamten Beitrag finden Sie in Beiträge
zur Gregorianik 29, S. 79 bis 88
Die große Ausstellung "799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit" die
vom 24. Juli bis zum 1. November 1999 in Paderborn stattfand, präsentierte
auch eine Sektion "Liturgie und Musik". Dies hatte seinen guten Grund,
bedeuten die Jahre der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts doch einen grundlegenden
Wandel der Liturgie und der Musik in dieser Liturgie. Für die Musik gilt,
dass in der Karolingerzeit die Grundlagen der abendländischen Musikgeschichte
gelegt wurden; es entstand ein Repertoire liturgischer Musik, das wir
Gregorianischen Choral nennen. Wiewohl Papst Gregor der Große seine ordnungspolitischen
Maßnahmen sowie die christliche Mission in die iro-schottischen, angelsächsischen,
gallischen und germanischen Gebiete mit einer Reform der Liturgie und
ihrer Musik verbindet, kann er keinesfalls mit der Entstehung der nach
ihm benannten liturgischen Gesänge in Zusammenhang gebracht werden. Wie
aber ist der nach ihm benannte liturgische Gesang entstanden?
In der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts gab es mehrere Regionalliturgien,
die im Detail durchaus differierten. Im Rahmen der Bestrebungen, eine
karolingische Universalmonarchie zu errichten, sollte es auch zu einer
Vereinheitlichung der Liturgie kommen, und zwar unter dem Primat Roms.
In die Einheitsbestrebungen der Karolingerzeit war von Anfang an auch
die Musik der Kirche einbezogen; auch an sie war die Forderung nach Einheitlichkeit
und Übereinstimmung mit römischer Praxis herangetragen worden. Die musikalische
Kunst des sogenannten Gregorianischen Gesangs entstand offenbar aus Pippins
und Karls Projekt der Angleichung der Liturgie im Frankenreich an die
römische Liturgie und damit auch an den Cantus romanus.
Das Bild, das die später entstandenen Bücher mit liturgischer Musik vermitteln,
entspricht dem Idealzustand einer universalen Einheit der Kirchenmusik,
für den Notker von St. Gallen in seiner Vita Karls des Großen die Formel
von der "unitas et consonantia in regno et provincia" geprägt hat. Wie
Abt Walhafried Strabo in De rebus ecclesiasticis berichtet, entschloss
sich Pippin, angesichts der zutage tretenden Unterschiede zwischen römischen
und fränkischen Singweisen, im gesamten Reich den römischen Stil durchzusetzen.
An anderer Stelle heißt es, 753 habe Pippin Bischof Chrodegang von Metz
nach Rom gesandt, damit er dort die liturgische Musik studiere und in
Metz eine Schola cantorum gründe zur Unterweisung des Klerus im Frankenreich.
Chrodegang darf als der wichtigste Berater Pippins in allen kirchlichen
Reformfragen gelten.
Zeugnisse über die Entstehung des sog. Gregorianischen Chorals sind spärlich.
Literarische Zeugnisse (z.B. die Gesta Caroli) berichten von Sängern,
die aus Rom kamen, um die Franken den Cantus romanus zu lehren, von fränkischen
Sängern, die nach Rom geschickt wurden, und vom Streit über den "richtigen
Gesang". Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang die Darstellung des
St. Galler Mönchs Notker Balbulus (der Stammler), ca. 840–912, einer der
Biographen Karls des Großen, der als erstrangiger Sequenzendichter in
die Musikgeschichte eingegangen ist. Zwar dauerte die Einführung des sog.
Gregorianischen Chorals im Frankenreich wesentlich länger und war wesentlich
komplizierter, als es aus Notkers Darstellung hervorgeht; auch schrieb
Notker seinem "Helden" Karl dem Großen eine Reihe von Aktivitäten zu,
bei denen in Wirklichkeit viele verschiedene Einzelpersonen und Gruppen
mitgewirkt haben müssen. Nichtsdestoweniger ist Notkers Perspektive für
uns heute äußerst aufschlussreich, denn es ist die Sichtweise eines Mönchs
aus dem 9. Jahrhundert, der, wenn man es einmal so formulieren darf, sehr
nahe am Geschehen war: Er lebte in einem Kloster, dem sowohl die Pflege
als auch die Verbreitung des sog. Gregorianischen Gesangs viel verdankt.
Notker äußert sich folgendermaßen:
"Hier muss ich, glaube ich, etwas berichten, was jedoch bei den Menschen
unserer Zeit schwer Glauben findet. Ich selber, der ich es schreibe, kann
es wegen der allzu großen Verschiedenheit zwischen unserer und der römischen
Singweise noch kaum recht glauben. Indes muss man der Wahrheitsliebe unserer
Väter mehr trauen als der heutigen nichtsnutzigen Unzuverlässigkeit. Unermüdlich
im Eifer für den Dienst Gottes freute sich Karl, dass zwar in der Kenntnis
der Wissenschaften sein Wunsch soweit als möglich erfüllt war, aber es
schmerzte ihn sehr, dass immer noch alle Provinzen oder Bezirke und Städte
in den Lobgesängen Gottes, d.h. in den Melodien des Kirchengesangs, voneinander
abwichen, und er bemühte sich, aus Rom einige im Kirchengesang erfahrene
Geistliche zu bekommen. Der Papst, der seine gute Absicht und seinen von
Gott eingegebenen Eifer billigte, schickte entsprechend der Zahl der zwölf
Apostel zwölf des Singens kundige Geistliche vom apostolischen Stuhl zu
ihm nach Francien. Wenn ich aber bisweilen von Francien rede, so meine
ich damit alle Gebiete diesseits der Alpen. Als nun die genannten Geistlichen
Rom verließen, berieten sie sich, weil ja immer alle Griechen und Römer
vom Neid auf den Ruhm der Franken geplagt wurden, wie sie das Singen so
verschieden gestalten könnten, dass sich nie dessen Einheitlichkeit und
ein Zusammenhang im Reich und im fremden Bezirk ausbreite. Bei ihrem Eintreffen
wurden sie von Karl ehrenvoll aufgenommen und nach den bedeutendsten Orten
verteilt. Jeder mühte sich nun an seinem Ort so verschieden und misstönend
sie es nur ausdenken konnten, selbst zu singen und das andern beizubringen."
Der Prozess der Adaptierung der altrömischen Gesänge gestaltete sich umso
komplizierter, als man nicht in der Lage war, die Melodien zu notieren.
Es liegt nahe zu vermuten, dass bei dem Versuch, den altrömischen Choral
ins Frankenreich zu transportieren, viele Eigenheiten des altgallikanischen
Chorals mit dem altrömischen Choral verschmolzen sind. (Ein ähnlicher
Sachverhalt ist übrigens bei der wesentlich besser dokumentierten Geschichte
des Sakramentars – das Buch mit den Messgebeten des Priesters – zu beobachten;
auch hier sind bei der Adaption der römischen Liturgie Spezifika der fränkischen
Liturgie in das römische Sakramentar eingeflossen.) Tatsächlich gilt es
heute als gesichert, dass der sog. Gregorianische Choral eine Vermischung
von altrömischen Melodien mit gallikanischen Idiomen darstellt.
Warum heißt der Gregorianische Choral dann aber Gregorianischer Choral?
Die Antwort ist relativ einfach: Mit dem Rückgriff auf eine Autorität
wie Gregor sie darstellte, glaubte man, dem neuen Repertoire eine größere
Durchschlagskraft verleihen zu können, und so nennt der Prolog "Gregorius
praesul meritis" des Cantatoriums von Monza schließlich auch Gregor als
Verfasser des Buchs: "Composuit hunc libellum musicae artis". Im selben
Jahrhundert brachte der römische Geschichtsschreiber Johannes Diaconus
in seiner Vita Gregorii die Legende in Umlauf, der Heilige Geist,
in Gestalt einer Taube auf Gregors Schultern sitzend, habe den Papst beim
Verfassen eines Kommentars zur letzten Ezechiel-Vision inspiriert. Zahlreiche
spätere Abbildungen greifen auf diese Szenerie zurück und variieren sie.
So zeigt die gegenüberliegend abgebildete Elfenbeintafel Gregor die ersten
Worte der Präfation schreibend. Auf Bildern in Musikhandschriften kann
das Schriftbild als musikalische Notation erkannt werden.
FORTSETZUNG Beiträge zur Gregorianik 29 S.82

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