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Das Graduale Romanum:
Rückblick und Ausblick.
Chancen und Schwierigkeiten einer Überarbeitung des Graduale Romanum
von Daniel Saulnier
Der Beitrag ist veröffentlicht in Beiträge
zur Gregorianik 30
(Übersetzung von Alexander M. Schweitzer)
Chancen einer Überarbeitung des Graduale Romanum
Es ist sicher nicht nötig, die hier anwesenden Kongressteilnehmer von
den Chancen, die eine Überarbeitung des Graduale Romanum mit sich
bringt, zu überzeugen. Die Frage nach den Möglichkeiten und der Notwendigkeit
eines solchen Unterfangens scheint heutzutage eher eine rhetorische. Schon
das Zweite Vatikanische Konzil stellt fest: "Die 'editio typica' der Bücher
des Gregorianischen Chorals soll vervollständigt werden; außerdem soll
eine kritische Ausgabe der seit der Reform des heiligen Pius X. bereits
herausgegebenen Bücher besorgt werden." [Compleatur editio typica librorum
cantus gregoriani ; immo paretur editio magis critica librorum iam editorum
post instaurationem sancti Pii X.] (Sacrosanctum Concilium, nr. 117
- 4 Dezember 1963)
Leider fehlt bis zum heutigen Tage, also mehr als 35 Jahre später, nach
wie vor eine solche Ausgabe. Wenn man das Zweite Vatikanische Konzil als
‘Tor zum 3. Jahrtausend’ versteht, dann darf man nicht fortfahren zu diskutieren
und zu streiten, sondern man sollte rasch handeln. Die kirchenmusikalischen
Vorschriften des Konzils sind das Ergebnis, die Krönung eines langen Reflexionsprozesses
der Kirche über ihre Musik und zeichnen sich durch eine erstaunliche Dichte
aus. Zum erstenmal in ihrer Geschichte hat die Kirche durch ihr höchstes
Lehramt die Definition und die Normen jener Musik formuliert, die sie
als musica sacra, als Kirchenmusik anerkennt. Es wäre müßig, die Verantwortlichen
für diese lange Zeitverzögerung ausmachen und an den Pranger stellen zu
wollen; es gibt Besseres zu tun.
Erinnern wir uns aber kurz an das, was zur Entscheidung des Konzils geführt
hat und an die Arbeiten, die daraus hervorgegangen sind. Felice Rainoldi
wird im Laufe dieses Kongresses die Geschichte des Graduale Romanum
von Dom Guéranger bis zum Zweiten Vatikanum skizzieren. Daher möchte ich
an dieser Stelle kurz auf die jüngere Geschichte eingehen. Schon vor dem
Konzil, nämlich seit dem Jahre 1948, hatte Dom Eugène Cardine in Solesmes
die Vorarbeiten für eine kritische Ausgabe des Graduale Romanum
veröffentlicht. Cardine beschränkte sich auf den musikalischen Teil im
engeren Sinne, ihm standen Dom Jacques Hourlier für paläographische und
geschichtliche Fragen und Dom Jacques Froger für Fragen der kritischen
Methodologie zur Seite. Weitere Mönche von Solesmes trugen in gleichermaßen
wertvoller wie diskreter Weise zur Zusammenstellung und Abschrift der
Tableaux, deren Kontrolle etc. bei. Die Konzilsväter hatten Kenntnis von
diesen Arbeiten, hatten sie doch z.T. selbst die entsprechenden Texte
redigiert.
Zwei wichtige Bände waren in den Jahren 1957 und 1960 im Verlag des Vatikan
erschienen. Der Band, der die Quellenstudien enthält (1957), dient bis
heute den Wissenschaftlern als wichtiges Nachschlagewerk, wenngleich er
überarbeitet werden müsste. Nach dem Konzil haben die Herstellung unzähliger
liturgischer Bücher im Rahmen der Liturgiereform (die nach wie vor nicht
abgeschlossen ist) und eine – man muss es wohl so nennen – heftige Abneigung
gegen den Gregorianischen Choral in einigen Ländern Westeuropas zu einer
Verlangsamung der Solesmenser Forschung geführt.
Erst in den siebziger Jahren erwachte das Interesse neu, entfacht durch
die Schüler von Dom Cardine. Eine Arbeitsgruppe, von deren Mitglieder
sich auch einige während dieses Kongresses zu Wort melden werden, traf
sich in Münsterschwarzach. Auch dort wurden Synopsen erarbeitet und Hypothesen
entwickelt. Jugendlicher Enthusiasmus gepaart mit der weisen und ruhigen
Kompetenz von Dom Cardine öffnete den Weg zu Korrekturvorschlägen der
Editio Vaticana. Nach zwanzigjähriger Arbeit haben die Mitglieder
dieser Arbeitsgruppe begonnen, ihre Resultate in der Zeitschrift Beiträge
zur Gregorianik zu veröffentlichen. Im Laufe dieser zwanzig Jahre
beschränkte sich die Beziehungen zwischen der Paläographie von Solesmes
und dieser Arbeitsgruppe zumeist auf die Person von Dom Cardine. Während
der Kongresse der AISCGre in Verona (1991) und Wien (1995) entstanden
dann fruchtbare Kontakte, und seit Ende 1996 besteht eine ernsthafte und
freundschaftliche Zusammenarbeit. Der Kongress, der heute eröffnet wird,
ist nicht zuletzt eine Frucht dieser guten Zusammenarbeit. Es ist mir
daher ein Anliegen, im Namen des Klosters Solesmes den Mitgliedern der
AISCGre, ob sie nun zur italienisch- oder deutschsprachigen Sektion zählen,
zu danken für ihre Kontakte mit der Paläographie von Solesmes; diese Kontakte
sind Zeichen gegenseitigen Vertrauens und getragen vom Geist der Zusammenarbeit
und der Freundschaft.
Wo immer man sich ernsthaft mit dem gregorianischen Repertoire befasst,
weiß man um die Unzulänglichkeiten der Editio Vaticana des Graduale.
Zahlreiche Chöre und Scholen wünschen sich nichts sehnlicher als eine
Ausgabe, die die ursprünglichen Melodien zuverlässiger wiedergibt. Hier
und da versuchen sich Kirchenmusiker – bisweilen mehr von Enthusiasmus
als von Fachwissen geleitet – an persönlichen Melodiekorrekturen. Die
Gefahr solcher "wilder" Initiativen ist eine doppelte: wenn das Ergebnis
an den falschen Empfänger gerät, bringt sie die ganze Idee der Melodiekorrektur
in Misskredit. Und selbst wenn die Korrekturen gerechtfertigt sind, schadet
dieses Vorgehen der Einheit, zumal der Gregorianische Choral häufig in
seiner liturgischen Existenz bedroht ist. Eine Neuausgabe, versehen mit
offizieller Approbation und von den führenden Fachleuten als korrekt anerkannt,
würde dieses Problem lösen.
Das gregorianischen Repertoire ist heutzutage auch Gegenstand der profanen
Forschung, insbesondere an den Konservatorien und Universitäten. Die Kirche
ist heute vielleicht mehr als zu anderen Zeiten gehalten, Rechenschaft
zu geben über ihren Glauben, ihre Theologie, ihre Exegese, ihre Moral,
ihre Weltsicht. Dies gilt für die Bereiche Bibel, Geschichte und Wissenschaft;
dies gilt jedoch auch für den Bereich der Musik. Gerade da der Gregorianische
Choral an der Wiege der abendländischen Musik steht und als deren Quelle
gilt, ist die römische Kirche, die den Gregorianischen Choral als den
ihr eigenen liturgischen Gesang hütet, aufgerufen, über diese Musik öffentlich
Rechenschaft abzulegen.
Die Veröffentlichung einer Ausgabe, die den mittelalterlichen Quellen
besser entspricht und die der schöpferischen Intention der Komponisten
näher kommt, ist daher von großer Bedeutung. Der Gregorianische Choral
ist nicht nur ein musealer Gegenstand!
Das Zweite Vatikanische Konzil bestand in seiner Liturgiereform auf Transparenz
und Wahrhaftigkeit der liturgischen Zeichen. Im Bereich der Musik besteht
die Transparenz dieser Zeichen im Respekt für die authentische Interpretation,
wie sie uns die mittelalterlichen Handschriften überliefern; die Wahrhaftigkeit
besteht in der Treue zur Intention des Komponisten und macht so eine möglichst
exakte Melodierestitution unumgänglich. Wie kommt es, dass der Gregorianische
Choral von jenen Anforderungen, die auf andere musikalischen Genres selbstverständlich
angewandt werden, ausgenommen bleibt? Wer wäre heutzutage bereit, nach
einer Partitur der Palästrinamotetten zu singen oder nach einer Version,
in der alle si durch do ersetzt werden? Wer würde in einer öffentlichen
Lesung des Neuen Testamentes Verse vortragen, die nach allgemeinem Dafürhalten
nicht zum Neuen Testament zählen?
Schließlich muss wohl nicht daran erinnert werden, dass die Editio Vaticana
des Graduale Romanum seit langem vergriffen ist. Auch in Folge
der Veränderungen des Ordo Missae und des Kalenders durch die Liturgiereform
des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden die Bücher vom Anfang des Jahrhunderts
unbrauchbar. Die gregorianischen Melodien der Messe sind dank der von
den Mönchen von Solesmes besorgten Ausgaben bis heute verfügbar. Leider
stammen die rhythmischen Zusatzzeichen dieser Ausgaben aus einem Interpretationssystem
das inzwischen allgemein als obsolet gilt.
Probleme einer Überarbeitung des Graduale Romanum
Fehlschlag der bisherigen Bemühungen?
Die im Jahre 1948 begonnenen Studien haben nicht zu der in der Begeisterung
des Anfangs geplanten Veröffentlichung geführt, nämlich zu einer Sammlung
authentischer gregorianischer Gesänge, ausgestattet mit einem Apparat
vieler möglicher Varianten im Stile einer literarkritischen Ausgabe. Im
Gegenteil dazu scheinen die Folgejahre die Begeisterung und Kühnheit der
vorangegangenen Zeit gut ‘weggesteckt’ zu haben. In den verschiedenen
Regionen Europas fanden sich zahlreiche Choraldialekte und letztendlich
wurde die Idee, der Begriff der Authentizität, angewandt auf den Gregorianischen
Choral, in Frage gestellt. Wir wollen diese Debatte hier jedoch nicht
aufgreifen.
Die Geschichte, die Untersuchung der musikalischen Handschriften, die
Melodiekritik und das Studium der Beziehung von Musik und Liturgie zeigen,
dass der Großteil des römisch-fränkischen Messrepertoires über ein Ursprungsdatum
und einen Ursprungsort verfügt. So sehr sich die Komposition der in den
Handschriften enthaltenen gregorianischen Melodien auch im Dunkel der
Geschichte verliert, so klar ist doch, dass diese Stücke an einem bestimmten
Tag und einem bestimmten Ort geschaffen wurden. Von dort aus haben sie
sich über ganz Europa verteilt und in den verschiedenen Regionen "inkulturiert",
wenn auch bisweilen in veränderter Gestalt. Die ältesten Handschriften
bezeugen diese musikalische Inkulturation in unterschiedliche geographische,
politische und kulturelle Kontexte. Das vergleichende Studium der verschiedenen
Handschriftentraditionen bringt uns unweigerlich den Quellen näher.
Vermutlich ist es nicht möglich, eine kritische Ausgabe des Graduale
Romanum im Sinne kritischer Ausgaben literarischer Texte zu besorgen.
Erster Grund: eine gregorianische Komposition des Graduale Romanum
kann nicht auf eine Text- und eine Melodiezeile reduziert werden. Die
Symbiose von Wort und Melodie ist zu intim, zu wesensbestimmend, als dass
man diese beiden Elemente – außer in rein theoretisch-intellektueller
Manier – einfach trennen könnte.
Zweiter Grund: die graphischen Systeme, mit deren Hilfe dieser Gesang
tradiert wurde, wurden erst lange nach dessen Komposition erfunden. Sie
sind häufig nicht in der Lage, bestimmte melodische und rhythmische Nuancen
auszudrücken, die während der Zeit der mündlichen Tradition noch allgemein
bekannt waren.
Dritter Grund: Nichts deutet darauf hin, dass die Tonskalen in allen Regionen
identisch waren. Bei ihrer Ankunft in einer bestimmten Region erlebten
die Gesänge minimale Veränderungen. Diese Veränderungen verfestigten sich
in der Zeit der ersten Niederschriften.
Vierter Grund: eine kritische Ausgabe geht von der Hypothese eines einzigen
Archetypen aus, selbst wenn dieser nicht auffindbar ist. Es ist hingegen
nicht sicher, ob es ursprünglich einen einzigen und einheitlichen Gesang
gab. Die Unterschiede im Verhalten der Handschriften im Westen und im
Osten sind beträchtlich. Die Aufteilung des karolingischen Reiches, die
allen musikalischen Notationssystemen zeitlich vorausging, entspricht
ziemlich genau der Landkarte der musikalischen Traditionen.
Doch selbst wenn man keine kritische Ausgabe des Graduale Romanum
anfertigen kann, so kann man doch in den Worten des Zweiten Vatikanums
eine editio magis critica besorgen. Die Worte magis critica zeigen klar,
dass nach der Intention der Konzilsväter nicht die Lösung sämtlicher Probleme
durch eine einfache kritische Ausgabe erwartet wird, die das zu leisten
auch nie imstande wäre. Ganz im Gegenteil fordert die Konzilskonstitution
eine Ausgabe auf der Grundlage der vielfältigen Erkenntnisse und inzwischen
gemachten Fortschritte, eine Ausgabe also mit einer Lebensdauer, die der
der Editio Vaticana zumindest vergleichbar ist. In Anbetracht der
seit Beginn des 20. Jahrhunderts gesammelten Erkenntnisse sollte diese
Ausgabe einen deutlichen Fortschritt gegenüber der Editio Vaticana
darstellen und zugleich dem kommenden Jahrhundert die Aufgabe überlassen,
die noch ungelösten Fragen zu klären.
Die Arbeiten der Paläographie in Solesmes, die sich auf die Kompetenz
der internationalen Gemeinschaft der Wissenschaftler stützen darf – in
erster Linie zählen hierzu die Mitglieder der Arbeitsgruppe der Beiträge
zur Gregorianik und der Internationalen Studiengesellschaft für Gregorianischen
Choral (AISCGre) – ermöglichen heute eine solche Ausgabe.
Die Quellen
Die ältesten Handschriften, die das gregorianische Repertoire beinhalten,
sind im Sextuplex wiedergegeben:
M: Monza, Domschatz, Anfang 9. Jhd.
R: Zürich, Zentralbibl. Rh 30, gegen 800
B: Brüssel, Bibl. Royale 10127-10144, 8.-9. Jhd.
C: Paris, Bibl. Nationale lat. 17436, 2. Hälfte 9. Jhd.
K: Paris, Bibl. Nationale lat. 12050, nach 853
S: Paris, Bibl. Ste-Geneviève 111, letztes Viertel 9. Jhd.
Diese sechs Handschriften sind, da sie keine musikalische Notation beinhalten,
weniger hilfreich was die mündlichen Tradition angeht, zumal sie nicht
immer den vollständigen Text der Stücke wiedergeben. Die Melodierestitution
der Stücke des Graduale stützt sich notwendigerweise auf das vergleichende
Studium der besten musikalischen Handschriften. Diese ersten Zeugen, die
die ältesten Niederschriften der gregorianischen Melodien in Form von
Neumenzeichen enthalten, stammen aus verschiedenen Regionen Europas und
werden mehreren Handschriftenfamilien zugeordnet.
Die Tradition von Sankt Gallen
Gal 1 Sankt Gallen, Stiftsbibl. 359, gegen 920
Ein Einsiedeln, Stiftsbibl.121, zwischen 964 und 971
Bab 1 Bamberg, Staatliche Bibl. lit. 6, gegen 1000
Gal 3 Sankt Gallen, Stiftsbibl.376, 11. Jhd.
Gal 12 Sankt Gallen, Stiftsbibl.381, erste Hälfte 11. Jhd.
Die lothringische Tradition Lan:
Laon, Bibl. Municipale 239, gegen 930
Klo: Graz, Universität 807, 12. Jhd.
Van2: Verdun, Bibl. Municipale 759, 1. Hälfte 13. Jhd.
Die bretonische Tradition
Cha: Chartres, Bibl. Municipale 47, 10. Jhd. oder früher
Die französische Tradition
Eli: Privatsammlung, « Manuskript von Mont-Renaud », 2. Hälfte 10. Jhd.
Den1 Paris, Bibl. Mazarine 384, 11. Jhd.
Rop: Sankt Petersburg, O.v.16, 12. Jhd.
Dij1: Montpellier, Faculté de Médecine H 159, 11. Jhd.
Die beneventanische Tradition
Ben1: Benevento, Bibl. capitolare 33, 10./11. Jhd.
Bv 34: Benevento, Bibl. capitolare 34, 11./12. Jhd.
Bv 40 Benevento, Bibl. capitolare 40, Beginn 11. Jhd.
Die aquitanische Tradition
Alb: Paris, Bibl. Nationale lat. 776, vor 1079
Yrx: Paris, Bibl. Nationale lat. 903, 11. Jhd.
Restaurationsprinzipien
Eine kritische Lektüre der Editio Vaticana
Unsere Restitution stützt sich auf eine kritische Lektüre der Editio
Vaticana des Graduale Romanum (1908) im Lichte der handschriftlichen
Quellen. Dank der beiden Tableau-Reihen, die Solesmes zu Beginn des 20.
Jahrhunderts und dann in den sechziger Jahren zusammengestellt hat, kann
sich diese Untersuchung sowohl auf adiastematische als auch auf diastematische
Quellen stützen. Es ist wichtig, sich von Anfang an auf diese beiden Notationsarten
zu beziehen.
Tatsächlich enthalten auch die Handschriften in campo aperto zahlreiche
Hinweise von melodischer Relevanz in Form bestimmter Spezialneumen, der
Zusatzbuchstaben, der tironischen Zeichen und durch die Positionierung
der Neumen auf dem Pergament. Zeitlich gesehen stehen die adiastematischen
Quellen der mündlichen Tradition näher als die diastematischen Quellen.
Andererseits – auch das ist klar – geben die Graphien der Handschriften
in campo aperto Melodien wieder und können daher nur auf der Grundlage
der in den diastematischen Handschriften enthaltenen melodischen Hinweise
interpretiert werden. Die Schwierigkeit bei Letzteren liegt in ihrer relativ
späten Datierung; sie enthalten unterschiedliche Melodieversionen, die
zum Teil recht weit voneinander entfernt sind.
Was die ältesten Stücke des gregorianischen Repertoires betrifft – und
dazu zählt die Mehrzahl der Propriumsstücke – müssen wir die gute Arbeit
der Editio Vaticana anerkennen. Gestützt auf die Sankt Galler Tradition
was die Neumen betrifft und auf die französischen Handschriften was den
Melodieverlauf angeht haben die Restauratoren am Beginn des 20. Jahrhunderts
im Wesentlichen die im Graduale von Dom Pothier (1883) enthaltenen Melodien
übernommen. In Anbetracht der Zeit, in der die Editio Vaticana
abgefasst wurde, handelt es sich um eine sehr gute Restitution des gregorianischen
Repertoires und kann daher als Grundlage für die Erarbeitung einer "kritischeren
Ausgabe" verwendet werden.
Die Fortschritte des letzten Jahrhunderts
1. Die Tonstufen mi und si
Seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Hauptfehler
der Editio Vaticana aufgedeckt und in den Nachfolgeausgaben korrigiert.
Es handelt sich hierbei häufig um die Erhöhung des si zum do
(bzw. des mi zum fa und des la zum sib) seit dem Ende des
10. Jahrhunderts, insbesondere bei den modalen Rezitativen. In diesem
Falle stehen die Prinzipien der Melodierestitution seit langem fest; die
Neumengraphien der ältesten Handschriften werden durch bestimmte regionale
diastematsche Quellen gestützt, die in dieser Frage besonders zuverlässig
sind. Hierzu zählen die Handschriften aus Süditalien, insbesondere aus
dem Herzogtum Benevent, und in etwas geringerem Maße die aquitanischen
Handschriften.
2. Semiologische Studien
Ein neuer Wissenschaftszweig, von Dom Eugène Cardine ins Leben gerufen
und von seinen Schülern und Nachfolgern insbesondere im Schoß der AISCGre
gepflegt und zur Blüte gebracht, liefert gesicherte Erkenntnisse zu zahlreichen
Neumengraphien. Das Wissen beispielsweise um die Bedeutung der Zusatzzeichen
(bei aller Relativität), die Erkenntnisse zum melodischen Kontext der
strophischen Neumen, des Quilismas und des Trigon, zur Bedeutungsvielfalt
des Oriscus und der aus ihm abgeleiteten Formen ermöglicht eine deutlich
verbesserte Restitution bestimmter Passagen. Die Silbenartikulation in
ihrem Zusammenspiel mit der Liqueszenz und den Phänomenen am Beginn der
Neumen erhellt darüber hinaus zahlreiche Varianten.
3. Modale Studien
Ein fundiertes Studium der Modalität bereichert ebenfalls die Melodierestitution.
Abgesehen von einigen seltenen Zeugnissen der Urmodalität zeichnen sich
die Gesänge des Graduale normalerweise durch eine recht komplexe Modalität
aus; selbst bei den einfacheren Kompositionen ist die Anwendung der für
das Offiziumsrepertoire gültigen Gesetzmäßigkeiten der modalen Evolution
schlichtweg fehl am Platz. Kein paläographisches Datum berechtigt zu einer
solchen Maßnahme, im Gegenteil. In dem Maße in dem die Gesänge gekennzeichnet
sind von archaischen Formeln und der traditionellen Methode verzierter
Rezitation oder Kantillation, in dem Maße sind wir imstande, Schlussfolgerungen
zu ziehen, die sich von der Struktur der alten Tonskalen und der Elemente
des angewandten melodischen Vokabulars herleiten; insbesondere handelt
es sich hier um die Relativität der Tonstufen und das Phänomen der Anziehung
und der Beweglichkeit der schwachen Tonstufe in den zahlreichen Fällen
in denen eine pentatonische Grundstruktur zugrunde liegt.
4. Studium der Formeln
Eine wichtige Quelle zur Verfeinerung unserer Restitutionen schlummert
schließlich in dem komplexen und variablen Spiel der rhythmisch-melodischen
Formeln der Centonisation. Das innere melodische und rhythmische Leben
dieser Formeln, die Geschmeidigkeit ihrer Anpassung an den verbalen Kontext,
ihre Möglichkeit der Amplifikation, ihre Fähigkeit, von einem Stück zum
nächsten und von einem Modus zum anderen zu "reisen" - all diese Eigenschaften
tragen dazu bei, dass uns zahlreiche Parallelstellen vorliegen. Die Identifikation
eines "klaren Kontextes" (D. Cardine) erlaubt die Klärung zahlreicher
Ungereimtheiten. Dies gilt bekanntermaßen für das Phänomen der Liqueszenz.
Die Arbeiten von Kees Pouderoijen OSB über die Formeln des Offiziums waren
hier bereits im Jahre 1991 und in Wien im Jahre 1995 vorgestellt worden.
Sie geben eine Grundrichtung für die zukünftigen Studien zum Messproprium
vor.
Bleibende Schwierigkeiten
1. Die Bedeutung des si
Hier liegt vermutlich das Hauptproblem der Restitutionsarbeit. Im Vertrauen
auf eine lebendige, gut funktionierende mündliche Tradition machen die
wichtigsten diastematischen Handschriften keine präzisen Angaben zur Eigenschaft
der Note, die über dem la gesungen wird. Während mehrerer Jahrhunderte
verfügt diese Note nicht einmal über einen Namen! Die paläographischen
Hinweise entpuppen sich daher häufig für die Klärung der Eigenschaft des
si als unzureichend. Ohne auf diese komplexe Fragestellung hier genauer
einzugehen, möchte ich ein paar persönliche Überlegungen dazu vorlegen.
Die Choralausgaben vom Beginn des 20. Jahrhunderts enthielten zahlreiche
sib. Man war noch ganz von der Idee behaftet, dass der Tritonus unbedingt
zu vermeiden sei. Die Ausgaben von Gajard führten dann als Gegenreaktion
zu den Vorläufern viele si ein. Im Vorwort zum Antiphonale Monasticum
von 1934 wird erklärt, dass sich die neuen Melodierestitutionen auf die
beneventanischen Handschriften stützten. Auch wenn diese süditalienischen
Handschriften wertvolle Hinweise für die Restitution der Tonstufen mi
und si (in Beziehung zu fa und do) geben, so geben sie doch
wenig Auskunft zum Problem des sib, da sie dieses Zeichen gar nicht kennen.
So wurde die Begründung für die Restitution des si im Antiphonale
Monasticum auch nie veröffentlicht. Diese von D. Gajard angestoßene Bewegung,
die oft die Erhöhung von si zum do mit sich brachte, fand
schließlich auch eine Bestätigung im germanischen Milieu. Mit den Studien
zur Urmodalität bahnte sich dann eine entgegengesetzte Bewegung ihren
Weg. Nach einer starken Tendenz hin zum si neigen die Forscher
nun in vielen Fällen zur Rückkehr zum sib, sogar im 4. Modus ...
Abgesehen von den eindeutigen Fällen in denen das si ein klares si
bzw. ein klares sib ist, gibt es zahlreiche Fälle deren Restitution
heute unmöglich scheint. Hierfür gibt es einen doppelten Grund. Zunächst
wurden die Melodien erst lange nach ihrer Komposition auf Pergament niedergeschrieben.
Da das si sich in fast allen Modi im instabilen Bereich der Tonskala (kleine
Terz) befand, hatte es bis zur Niederschrift viel Zeit, sich zu verändern.
Die Fixierung der Tonhöhe in Form der Niederschrift hing wahrscheinlich
von der jeweiligen durch den Kantor der Region gerade angewandten Tonskala
ab, die sich von der anderer Regionen bisweilen unterschied. In diesem
Falle bietet der Handschriftenvergleich keine Hilfe: die Manuskripte bezeugen,
wie in der jeweiligen Region, aus der sie stammen, gesungen wurde; sie
sagen uns nicht, in welcher Form die Melodie in dieser Region angekommen
ist. Andererseits basiert die heutige Unterscheidung zwischen si und sib
auf einer modernen Vorstellung, die Ergebnis der gesamten Musiktheorie
der folgenden Jahrhunderte ist. Das System der Notenlinien und Schlüssel,
das die wichtigsten diastematischen Handschriften anwenden, sah die Möglichkeit
der Präzisierung des si nicht vor. Die Handschriften zeigen uns lediglich,
dass eine Note existiert, die höher als das la und niedriger als das do
ist.Ein Problem besteht darin, dass unsere modernen Ohren extrem sensibel
für diesen Unterschied sind; viel sensibler, darin besteht kein Zweifel,
als die Ohren der Sänger des Hochmittelalters, da diese Note schließlich
zumeist ornamentalen Charakter besitzt.
Bleibt hier am Ende nur ein Paradox? Muss eine Melodierestitution magis
critica des Graduale Romanum, will sie der Intention der Alten
treu sein, diese Grenzfälle anzeigen? Welche Art von Typographie müsste
in einem solchen Falle angewandt werden? Wie kann man deutlich machen,
dass ein bestimmtes sib nichts anderes bedeutet als "ein nicht
zu hohes si" – und ein anderes si nicht anderes als "ein nicht
zu tiefes sib"?
2. Ausnahmen von der Diatonie
Für manche Stellen besteht in der Überlieferung der diastematischen Handschriften
absolute Einmütigkeit was die Anzahl der Noten und deren graphische Formen
betrifft, während die diastematischen Handschriften hiervon auf unerklärliche
Weise abweichen; sie dokumentieren jeweils unterschiedliche Melodieverläufe,
die sich auf die eine oder andere Weise von der in den adiastematischen
Handschriften einmütig dokumentierten Melodie unterschieden. Diese Stellen
scheinen den jeweiligen lokalen Traditionen Schwierigkeiten bereitet zu
haben, sei es, weil deren Melodieverlauf den dort gültigen modalen Vorstellungen
zuwider lief, sei es, weil die Schreiber aufgrund des ihnen zur Verfügung
stehenden Notationssystems auf Schwierigkeiten stießen, die Melodie entsprechend
zu notieren. Gleichwohl sagt man, dass eine Handschrift wie Albi (Paris
BNF lat 776) keinerlei Schwierigkeiten habe, diese Passagen zu notieren.
Dem ist so, weil das dort verwandte Notationssystem keinen Schlüssel schreibt
und sich auf eine einzige Linie beschränkt.
Das ursprüngliche gregorianische Repertoire konnte einige Ausnahmen von
der Diatonie aufweisen. Einer der Vorträge dieses Kongresses wird sich
diesem Thema widmen. P. Rupert Fischer und ich haben unabhängig voneinander
Untersuchungen zu diesem Thema angestellt und ich darf hier sagen, dass
ich seine Schlussfolgerungen über weite Strecken teile. Eine editio
magis critica ist verpflichtet, auch diese Passagen zu restituieren,
selbst wenn dies neue Klangergebnisse zeitigt und selbst wenn dies bedeutet,
hie und da auf die Diesis zurückgreifen zu müssen.
3. Die Alleluiagesänge und ihr Vers
Die Alleluiagesänge stellen im Rahmen des Messpropriums eine Sondergruppe
dar. Sie sind häufig später als die anderen musikalischen Genres entstanden
und von einer neueren Musikalität gekennzeichnet. Eine kleine Anzahl älterer
Stücke unter ihnen bietet sich für eine Restitution wie die der anderen
Propriumsstücke an; die anderen Stücke hingegen sind häufig regionaler
Herkunft. Auf sie angewandt wäre die textkritische Methode, die darin
besteht, Daten aus einer Handschrift mit denen einer anderen abzugleichen
um am Ende zu einer Urversion zu gelangen, eine künstliche. Im Falle der
meisten Alleluiagesänge erhielte man auf diesem Wege eine Version, die
niemals in der Geschichte so gesungen wurde. Vielmehr könnte man, hat
man einmal die Herkunftsregion und die Entstehungszeit eines Alleluias
eingekreist, die Version einer bestimmten Handschrift veröffentlichen.
In Anbetracht der Bedeutung dieses Themas werden sich ein Referat und
ein Workshop dieses Kongresses dem Studium des Alleluiarepertoires widmen.
4. Das Kyriale
Das Messordinarium stellt uns vor ein ähnliches Problem. Auch für dieses
sehr regional geprägte Repertoire, das sich durch viele verschiedene Kompositionsstile
auszeichnet (von volkstümlich bis gelehrt), wäre eine Restitution wünschenswert.
Nino Albarosa wird uns dankenswerter Weise in dieses heikle Thema einführen.
Das Problem spitzt sich noch einmal zu, wenn man weiß, dass das Kyriale
zu den volkstümlichsten – und häufig auch bekanntsten – Teilen des gregorianischen
Repertoires zählt. Sollte man in einer Zeit, in der der Gregorianischen
Choral zumeist ein Stiefkind der Pfarrliturgie ist, durch die Veränderung
einer bekannten Melodie das Risiko einer weiteren Entfremdung und Abwendung
von diesem Gesang eingehen? Dies ist allerdings eher eine pastorale als
eine musikwissenschaftliche Fragestellung.
5. Die neogregorianischen Kompositionen
In der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils und dank des mutigen Einsatzes
von Dom Eugène Cardine und Don Luigi Agustoni wurde die Anzahl der neogregorianischen
Stücke des Graduale Romanum deutlich reduziert. In einigen Messrepertoires
moderner Feste wie Herz Jesu, Christkönig, Unbefleckte Empfängnis und
Himmelfahrt finden sich diese Kompositionen jedoch nach wie vor.
Welche Version dieser Stücke sollte in eine editio magis critica
aufgenommen werden? Sollten die neogregorianischen Kompositionen entsprechend
den heutigen Standards eines authentischen Repertoires korrigiert werden?
Oder sollten sie als Zeugen einer bestimmten Epoche so belassen werden,
wie sie komponiert wurden?
6. Typographie und rhythmische Zusatzzeichen
Es bleibt zu entscheiden, welche musikalische Schreibweise in einer zukünftigen
Ausgabe verwendet werden sollte. Der Erfolg des Graduale Triplex weist
m.E. die richtige Richtung: über einer gut restituierten Melodiezeile
sollten adiastematische Neumen stehen.
Die Editio Vaticana stützt sich auf die Linienführung und die Quadratnoten
der französischen Notation des 13. Jahrhunderts und kennt als Spezialneumen
das Quilisma und bestimmte Liqueszenzen. Die heutige Graphie ermöglicht
die Wiedergabe zahlreicher weiterer Zeichen, die zum Teil bereits in den
neueren Ausgaben Anwendung finden; dazu zählen der Oriscus in all seinen
Kombinationen, Stropha, Trigon, die Anfangsartikulation initio debilis
sowie zahlreiche Liqueszenzen.
Die Taktstriche der Editio Vaticana schließlich sind vielen Chören
von Nutzen; sie verdienen es, nach einer gewissenhaften Revision in die
neuen Ausgaben übernommen zu werden. Das vertikale Episem und das Punctum,
die keinerlei Fundament in den Handschriften haben, sollten ohne Bedauern
abgeschafft werden. Mit dem horizontalen Episem hingegen verhält es sich
anders.
Schluss
An den Chancen, die eine Revision des Graduale Romanum bietet,
zweifelt wohl kaum jemand. Doch müssen wir aus der Vergangenheit lernen.
Wenn wir wollen, dass eine neue Ausgabe des Graduale Romanum das
Tageslicht erblickt, wenn wir wollen, dass diese Ausgabe aufgrund ihrer
hohen Qualität was Melodie und rhythmische Hinweise angeht zu einer echten
Wiederentdeckung des gregorianischen Repertoires führt, dann können wir
dies nur gemeinsam erreichen. Dies ist auch die Grundlage dieses Kongresses.
Voraussetzung für ein Gelingen ist die Zusammenarbeit von Spezialisten
mit ihren spezifischen Kompetenzen, die sich jährlich zusammenfinden,
um die wichtigsten Fragen und Probleme zu studieren und zu diskutieren.
Diese Zusammenarbeit wird auch während dieser Tage des Kongresses sichtbar.
Voraussetzung ist aber auch die Mitarbeit der Benutzer, die die Gesangsbücher
täglich aufschlagen und den Herausgebern so wertvolle und kluge Hinweise
geben können. Alle Vorschläge, die im Laufe dieses Kongresses geäußert
werden, stoßen auf große Aufmerksamkeit und werden in die weiteren Bemühungen
mit einfließen.

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