


|
 |
Einige Aspekte
der Notenschrift des Codex Douce 222
in der Bodleian Library Oxford
von Valentina Ragaini
Den gesamten Beitrag finden Sie in Beiträge
zur Gregorianik 24, S. 57 bis 66
Abkürzungen
Nov1 cod. Vercelli, Bibl. Capitolare 124, Missale, sec. XI.
Nov2 cod. Oxford, Bodleian Library Douce 222, Tropar-Offertoriale, sec.
XI.
Ein cod. Einsiedeln, Stiftsbibl. 121, Graduale, sec. X ex. (Pal. Mus.
I/4). Lan cod. Laon, Bibl. Municipale 239, Graduale, ca. 930 (Pal. Mus.
I/10).
Ben5 cod. Benevento, Bibl. Capitolare VI 34, Graduale-Tropar, sec. XI-XII
(Pal. Mus. I/15).
Y cod. Paris, Bibl. Nat. lat. 903, Graduale-Tropar (von Saint-Yrieix),
sec. XI (Pal. Mus. I/13).
M cod. Montpellier, Bibl. de la Faculté de Médicine H. 159, Graduale-Tonar,
sec. XI (Pal. Mus. I/8).
*
Die 726 von dem gallischen-römischen Patrizer Abbone gegründete Benediktiner
Abtei der Heiligen Petrus und Andreas in Novalesa wurde mehrere Jahrhunderte
lang von der geographischen Lage, die ihr bewilligt wurde, sehr begünstigt.
An dem Abhang des Mont Cenis entstanden, befand sich die Abtei von Anfang
an mitten in einem dichten Verkehrsnetz zwischen dem Reich der Franken
und dem italienischen Gebiet. Das Novaleser Kloster, von einem Teil des
Karolingenhauses sehr beachtet, entehrte alsbald seine geistliche Reinheit
durch politische Interessen; es genoß nämlich Immunität und weitere Vorzüge,
doch wurde es dafür der von dem kaiserlichen Programm geforderten materiellen
und kulturellen Ausbeutung ausgesetzt.
Wegen des Einfalls der Sarazenen, im X. Jahrhundert, machten sich die
Mönche auf den Weg nach Turin und ließen sich außerhalb der Stadtmauer
nieder, in der Kirche der Heiligen Andreas und Klemens: das waren schwierige
Zeiten für die Benediktiner aus Novalesa, die sich sogar gezwungen sahen,
einige wertvolle Codexe zu verpfänden, um überleben zu können. Danach
übersiedelten sie nach Breme.
Darauf folgte eine kurze Phase der Wiedergeburt, die die Niederlage der
Sarazenen von seiten Otto des Ersten und die Wiederherstellung der Abtei
der Heiligen Petrus und Andreas sah. Die Bruderschaft versuchte jedoch
vergebens (wenn man die Ereignisse zu Beginn des folgenden Jahrhunderts
betrachtet) wenigstens die christliche Moral zu bewahren. Zu Zeiten von
Odilone, dem Neffen von Odilone von Cluny, der zum Abt in Breme und Novalesa
ernannt worden war, war das Zusammenspiel mit der weltlichen Gewalt offensichtlich
und auch rechtmäßig, denn die Mönche schwörten Treue, wie es im Feudalsystem
üblich war.
Im XII. Jahrhundert, im Bann der Reform von Cluny, näherte sich nun die
Gemeinschaft von Novalesa ihrem Untergang.Wieviel von den musikalischen
Zeugnissen der oben beschriebenen Tradition haben bis heute überlebt?
Etwas mehr als zwei. Das Missale der Probstei zu Novalesa wird nämlich
nicht einmal zu den überlieferten Quellen gezählt, da es sich um einen
späteren Codex handelt.

|