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Das Alleluia V.
Multifarie
von Rupert Fischer
Den Beitrag einschließlich Noten und Neumen finden Sie in
Beiträge zur Gregorianik 25,
S. 73 bis 80
Das Alleluia V. Multifarie
Die Handschrift Einsiedeln, Stiftsbibliothek 121, hat in ihrer Sammlung
von Alleluia-Melodien zum Teil etwas weiter ausgegriffen und über die
Melodien hinaus, die wir in den übrigen St. Galler Codices finden, auch
einige nicht überall überlieferte Melodien aufgezeichnet. Zu diesen gehört
auch das Alleluia V. Multifarie, das die Editio Vaticana und, ihr folgend,
auch das Graduale Romanum von 1974 für den Neujahrstag aufzeichnen. Wegen
des großen Tonumfangs ist es bei Chorleitern etwas gefürchtet, da am Neujahrsmorgen
infolge der vorausgehenden Silvesterfeier nicht alle Sänger stimmlich
auf der Höhe sind. So ist der Chorleiter sicher froh, wenn er beim Vers
dieses Alleluia den sich in die Höhen aufschwingenden Teil von deus bis
nobis glücklich hinter sich gebracht hat und eine Quint tiefer mit der
Einleitung zur Wiederholung der Alleluia-Melodie auf filio suo auf etwas
weniger gefährliches Gelände zurückkehren kann.
Aber war dies ursprünglich wirklich so?
Ein Blick in die Handschriften - die bei dieser relativ späten Komposition
in einigen, jedoch nicht wesentlichen Details, wie z. B. der Zahl der
Noten über nobis, von einander abweichen - läßt uns an der Richtigkeit
der Fassung der Editio Vaticana ab ,,locutus est” zweifeln.
Bv 34 beginnt nach istis gegenüber der Vaticana eine Sext tiefer (Pes
bei locutus) und hat für die ersten beiden Noten des Scandicus von locutus
einen Quintsprung (G-d-e gegenüber a-d-e der Vaticana). Bei nobis beginnt
eine ernstere Verschiedenheit zur Vaticana: respektiert man die Abfolge
der Ganz- und Halbtöne in der Vaticana, sieht man, daß diese Ausgabe einen
Ton höher notiert als Bv 34, daß dies aber zur Folge hat, daß die Beneventaner
Sänger an dieser Stelle b und es gesungen haben müssen. Andernfalls (ohne
die Erniedrigungszeichen) bekäme die Melodie doch einen sehr ,,exotischen"
Charakter. Nach nobis (Clivis d-c) zeigt der Custos an, daß der Sänger
bei in filio mit c fortfahren soll. Filio muß b-a sein. Für die zweite
Note von filio (d.h. die erste Note des Aufstiegs über zwei Terzen) haben
wir damit ES, desgleichen für die erste Note von suo (und jedes Mal, wenn
im folgenden dieser Ton nochmals auftaucht).
Der ganze Schluß in Bv 34 ist gegenüber dem Alleluia und damit auch gegenüber
der Vaticana um 1 Ton höher zu singen, was neben b auch den Ton ES bedingt.
Es läßt sich aber immerhin feststellen, daß Bv 34 den Schluß des Verses
wieder auf einen ,,tiefes Niveau" zu bringen versucht.
Mtc 546 rückt die Melodie ab locutus est gegenüber Bv 34 einen Ton höher,
geht damit ab nobis konform mit der Fassung der Vaticana und braucht (im
Gegensatz zu Bv 34) auch kein b und kein es in Anspruch zu nehmen. Es
steigt nach nobis nicht in die Tiefe ab, sondern setzt die Wiederholung
der Alleluia-Melodie auf d an mit darauf folgendem Dreiklang c-e-g. Dabei
benötigt es fis, was aber graphisch nicht in Erscheinung tritt, da es
nur den Anfang der Formel schreibt und die weitere Ausführung dem Sänger
überläßt. Die Melodie endet auf d. Die Wiederholung des Alleluia setzt
eine Quint tiefer mit G ein.
VL 6082 rückt gegenüber Bv 34 die Melodie ebenfalls ab locutus est einen
Ton höher, zieht es aber vor, bei filio mit der Tonfolge d-c-c-G-a-G auf
,,sicheres Gelände" abzusteigen und den Schluß auf denselben Tonstufen
zu bringen wie das Alleluia.
Bv 35 schert bereits nach olim aus. Es schließt deus nur eine Sekund höher
an, versetzt auf diese Weise die Melodie bis zum Ende um eine Quart nach
unten und beendet den Vers damit auf denselben Tonstufen wie das Alleluia.
BN 776 stimmt in der Melodieführung bis nobis mit Bv 34 überein, muß allerdings
bei nobis (wie Bv 34) außer b auch es singen. Es setzt in filio mit dem
Cephalicus c-G an. Filio beginnt auf diese Weise auf c, die folgenden
Terzstufen sind b-d-f. Natürlich erscheint ab jetzt wieder das ,,natürliche"
e.
Die Melodie des Versschlußes steht somit eine Quart höher als die des
Alleluia und endet auf c, wie ganz klar aus der Prosula zu sehen ist.
Nebenbei sei nur angemerkt, daß einige Handschriften - wie BN 776 - nach
loquens das Wort patribus einfügen.
Harl 4951 geht mit BN 776 konform bis zur 9. Note von nobis. Für die zweite
Note der in Eins 121 als Pressus minor geschriebenen Clivis wählt der
Schreiber das Intervall einer Quint (nicht einer Sekund) und hat so -
mit einer kleinen Veränderung des zweiten Teiles der Melodie von nobis
(die erste Note des Scandicus subbipunctis fehlt - natürlich muß er hier
b singen) - ab in filio die Melodie genau eine Quart unter der von BN
776 und damit auf denselben Tonstufen wie das Alleluia.
BN 903 geht konform mit BN 776 bis nobis. Ob es gesungen wurde, ist mehr
als fraglich; der Quilismapes deutet auf ein natürliches e hin. In filio
setzt eine Quart tiefer ein, und damit ist der Schlußteil auf denselben
Tonstufen wie das Alleluia, was auch aus der Prosula ersichtlich ist.
BM Add 17001 ist als Ergänzung für die im Codex von Sarum fehlenden Stücke
in der Publikation dieses Codex verwendet. Die Notation dieser Handschrift
stimmt im wesentlichen mit BN 776 überein. Der Schreiber kann aber den
Ton es nicht ausdrücken. Etwas unklar ist die Notation ab der vorletzten
Note von suo bis zum Zeilenwechsel. Vielleicht hat der Schreiber wegen
Platzmangels die letzten beiden Noten von suo und die Noten von suo bis
zum Zeilenwechsel in die falschen Notenlinien gesetzt (?). Der Schluß
auf c (und damit eine Quart über dem Anfang der Alleluia-Melodie) stimmt
jedenfalls mit BN 776 überein.
Cha 520 geht - außer bei istis - bis zum Schluß konform mit BN 776 und
endet - wenn auch das Melisma nicht ausgeschrieben ist - auf c. Das es
bei nobis hat es wohl gesungen, wenn auch keine Möglichkeit bestand, die
Erniedrigung des Tones e anzugeben.
Mod 7 hat wie Harl 4951 bei nobis beim zweiten Pressus minor (Clivis)
den Quintsprung und endet damit auf G wie die Alleluia-Melodie.
St. Petersburg fügt an das Melisma von olim die Noten a-c-h-a-h-a-G an
und schließt das Melisma von deus mit a an; das bedeutet, daß es ab hier
die Melodie bis zum Schluß um eine Quart absenkt und somit auf denselben
Tonstufen endet wie das Alleluia. Damit vermeidet es natürlich die Schwierigkeit
mit es.
Berlin 664 rückt ab nobis die Melodie um einen Ton nach oben (daß das
e zum f gleitet, ist eine Folge des ,,germanischen Choraldialekts"). Mit
einem kühnen Quintsprung nach in (d) zu filio (G-a-G) ist es wieder auf
dem Niveau der Alleluia-Melodie.
Die Editio Vaticana schiebt die Melodie von nobis um einen Ton nach oben,
vermeidet damit das es und rettet wenigstens die Intervalle. Ab in filio
fängt sie eine Quint tiefer an gegenüber der letzten Note von nobis und
geht damit konform mit den Handschriften, die in irgendeiner Weise die
Schlußmelodie auf denselben Tonstufen bringen wie das Alleluia.
Ergebnis:
Mehrere Handschriften suchen auf jeden Fall dem ,,häretischen” Ton es
bei nobis auszukommen, indem sie diese Stelle um einen Ton nach oben rücken
(Mtc 546, VL 6082 und auch die Vaticana) oder - z.T. schon früher beginnend
(Bv 35 und St. Petersb.) -, die Stelle eine Quart tiefer notieren (Harl
4951, Mod 7). Diese Handschriften, die um eine Quart absenken, bieten
uns den Schluß auf denselben Tonstufen wie das Alleluia.
Die ursprüngliche Melodie gibt uns - wieder einmal - BN 776. Sie wird
bestätigt durch
BM Add 17001 und Cha 520. Es ist das Auffällige dieses relativ späten
Alleluia, daß das Schluß-Melisma des Verses die Alleluia-Melodie eine
Quart höher setzt als das Alleluia selber. Aber sollten wir deswegen nicht
die Fassung singen, die dem Original am nächsten kommt?

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