Facsimileausgaben: Codices Gregoriani

Associazione Internazionale Studi di Canto Gregoriano. Codices Gregoriani [I], a cura di Nino Albarosa e Alberto Turco. Benevento, Biblioteca Capitolare 40. Graduale, Padua: La Linea Editrice, 1991. (Vertrieb: G&T Scuola srl, via Manassero, 10-37136 Verona). XXXIX S. (Jean Mallet et André Thibaut: Notes codicologiques [S. VIII]; Rupert Fischer: Die rhythmische Aussage von Benevento 40 [S. IX-XII]; Thomas Forrest Kelly: The Beneventan liturgy and its music in the context of Benevento 40 [S. XII1-XVI-II]; Alessandro Padoan: Indice [S. XIX-XXXVI]. 165 Bll. (Faksimile). ISBN 88-439-0004-8.

Associazione Internazionale Studi di Canto Gregoriano. Codices Gregoriani II, a cura di Nino Albarosa e Alberto Turco. Verdun, Bibliothéque Municipale 759. Missale, Padua: La Linea Editrice, 1994. (Vertrieb: siehe oben). XVI S. (Dom Daniel Saulnier: Le manuscrit Verdun 759/Il manoscritto Verdun 759 [S. VII-XVI]), 32 S. (Table analytique / Indice analltico [S.1-30]) 300 BIL (Faksimile). ISBN 88-439-0004-8

Im Jahr 1991 eröffnete die italienische Sektion der AISCGre mit den Codices Gregoriani eine eigenen Publikationsreihe von Faksimile-Ausgaben bedeutender Choralhandschriften. Die Herausgeber Nino Albarosa und Alberto Turco haben wohl bei der Auswahl vor allem semiologische Aspekte im Blick.

Nach den Codices Rom, Vat. lat. 10673 (Pal. mus. XIV; 35 Blätter eines Graduale; frühes 11. Jh.), Benevent 34 (Pal. mus.XV; fast vollständiges Graduale; frühes 12. Jh.) und Benevent 33 (Pal. mus. Xx und Mon. Pal. Greg. 1 [nur die Gesangsstücke]; am Anfang und Ende unvollständiges Plenarmissale; 10./11. Jh.) liegt mit Benevent 40, einem Graduale aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, der vierte Choralcodex aus dem Bereich Benevent in einer Faksimile-Ausgabe vor. Die beneventanische Notation ist diastematisch, jedoch ohne Linien und Schlüsselbuchstaben. 165 Blätter sind erhalten (vom Montag in der Karwoche bis zur Alleluia-Reihe, mit einigen Lakunen [10 Blätter]). Weshalb gerade Bv 40 veröffentlicht wurde, nachdem doch mit Vat. lat. 10673 und Bv 33 zwei ältere und mit Bv 34 eine sehr schön geschriebene, gut lesbare und seit langem von der semiologischen Forschung wegen ihrer melodischen Zuverlässigkeit hochgeschätzte Handschrift vorliegen, beantwortet Rupert Fischer im Kommentarteil (S. IX-XII) mit dem Hinweis auf den ,,eigenständigen Wert" in rhythmischer Hinsicht. In diesem Zusammenhang sei auf einen Aufsatz von Serafina Amoruso und Maria Grazia Cavuoto zum ,,Cilium”, einem Verbreiterungszeichen, hingewiesen (Studi gregoriani 6 [1990], 123-155).

Bv 40 ist ferner eine der Hauptquellen für den sogenannten altbeneventanischen Choral, auf den Thomas Forrest Kelly (S. XIII-XVIII) eingeht. Auch für das Repertoire der Sequenzen, Prosulae und Tropen ist der Codex eine bedeutende Quelle, die in den Analecta hymnica (besonders Band 53, Leipzig 1911 [Sequenzen]) und in verschiedenen Bänden des Corpus Troporum (III, IV, V, VII, Stockholm 1982, 1980, 1986 und 1990) genannt wird. Diese Gesänge sind nicht in eigenen Faszikeln zusammengefaßt, sondern in das Hauptcorpus eingefügt.

Der II. Band der Faksimile-Reihe veröffentlicht ein Plenarmissale. Neben den Texten der Orationen, Lektionen und Evangelien sind darin auch die Gesänge mit Notation enthalten. Verdun 759 (V) stammt aus dem Kloster Saint-Vanne in Verdun, 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der Inhalt: fol. 1-265v: Missale (dazwischen fol. 127-143 der Canon missae, 15. [?] Jh., mit Präfations-Gesängen [fol. 127v ff.], Pater noster-Gesängen [fol. 133v ff.] sowie Gloria-, Credo- und Benedicamus domino-Intonationen [fol. 139v if]), fol. 266-268v: Gesänge des Ordinanum missae; f. 266-268v: Sequenzen mit Notation; f. 286-298: Sequenzen, Votivmessen, Varia, ohne Notation; fol. 299-300: spätere Ergänzungen, u.a. die Sequenz Dies irae, mit Notation. Die Metzer Notenschrift auf Linien, in der die Meßgesänge aufgezeichnet sind, steht in Beziehung zur Notation des bedeutenden Codex Laon 239. Dies macht V natürlich besonders interessant. Wirft man einen Blick in die Handschriftenliste des ersten Artikels der Reihe ,,Vorschläge zur Restitution von Melodien des Graduale Romanum" in BzG 21(1996), S. 9-10, so kann man sehen, daß V zu den sieben für die Restitution wichtigen diastematischen Handschriften gehört (Bv [34], A, Y, K, R, Mp und V). Nunmehr sind auch alle diese Quellen in Faksimile-Ausgaben zugänglich. A (Graduale von Albi, Paris, BN. lat. 776) ist allerdings nur in einer Privatveröffentlichung erschienen (,,Arbeitsmaterial ausschließlich für die Teilnehmer am Paläographiekurs Essen und Cremona. Nicht im Handel erhältlich”) und R (Graduale von Notre-Dame in Rouen, St. Petersburg O.v.16) in einer nicht durchweg befriedigenden Schwarz-Weiß-Faksimile-Ausgabe in Jean-Baptiste Thibaut, Monuments de la Notation Ekphonétique et Neumatique de l'Eglise Latine, St. Petersburg 1912, Nachdruck Georg Olms Verlag, Hildesheim-Zürich-New York 1984, S. 105 ff., planche I bis XCIV (fol. 1-190v). In einem mir vorliegenden Verlagsprospekt für die Reihe Codices Gregoriani sind Faksimile-Ausgaben von A und R angekündigt.

In den Kommentaren vermißt der nicht nur an den semiologischen Analysen der Meßgesänge im engeren Sinne interessierte Benutzer eine Untersuchung zu den Tropen bzw. Prosulae (Bv 40) und Sequenzen (Bv 40 und V). Daß dies die Bearbeiter wohl weniger interessiert hat, zeigen auch kleine Mängel im Inhaltsverzeichnis von Bv 40, von denen ich zwei, die mir aufgefallen sind, nennen will. So fehlt der Tropenabschnitt "Scientia domini mirabilis facta est hodie ALLE[LUIA]", fol. 20v, Z. 1 (Corpus Troporum III, S.192, Resurr intr 156). Er folgt in Bv 40 auf ,,Hodie exultent iusti - Lux mundi - Manus tua". Ferner ist der Tropenabschnitt ,,lures celos" f 68, Z. 1, mit ,,In res celos" in falscher Lesart wiedergegeben (vgl. hierzu Corpus Troporum III, S. 130, Ascens intr 3, wo "Iures" als Textvariante statt "Iure" verzeichnet ist). Hier hätte man sich doch wohl besser der seit 1975 erscheinenden kritischen Ausgabe der Tropentexte bedienen sollen. In Cod Greg. II sind im Inhaltsverzeichnis bei den Sequenzen die Nummern des Registerbandes der Analecta hymnica angegeben. In Cod Greg. I fehlen solche hilfreichen Angaben. Dies kann und soll aber die Anerkennung, daß hier insgesamt vorzügliche Facsimile-Ausgaben vorliegen, nicht schmälern.

Günther Michael Paucker