Gesänge der Stille

Kösel Verlag München, Gregor Baumhof, Gesänge der Stille. Mit dem Gregorianischen Choral meditieren. Ein Übungsbuch mit CD. Kösel Verlag München 2006. 176 S. mit beigelegter CD, zahlreichen Notenbeispielen und färbigen Abbildungen. ISBN 3-466-36721-2.

Frater Gregor Baumhof, Mönch der Abtei Niederaltaich, hat gerade eben in München ein Haus für Gregorianik (www.gregorianik.org) mit umfangreichem Kursangebot und verschiedenen pädagogischen Konzepten ins Leben gerufen, als das hier vorgestellte Buch immer häufiger in Klosterläden und Theologischen Buchhandlungen "auftaucht". Natürlich lädt die Krypta auf dem Buchdeckel mit ihrem Halbdunkel zum Meditieren ein, doch stellt der dritte Untertitel ("ein Übungsbuch") das Werk gerade nicht in eine Reihe mit den zahlreichen sentimentalen Meditationsbüchern der religiösen Wühltische. Mein "geistliches Leben von der Kraftquelle des Gregorianischen Chorals her vertiefen und bereichern zu lassen" (S. 9), beginnt mit dem mönchischen Grundvollzug des Ein-Übens in die Klangworte. Fr. Gregor schreibt vor dem Hintergrund jahrelanger gregorianischer Erfahrungen als Lernender (der Modi, Handschriften, Semiologie) wie als Lehrender (in Kloster, Lehraufträgen und Kursen). Sein (vielleicht sogar zu bescheidener) Verzicht "auf jeden wissenschaftlichen Anspruch" eröffnet ihm die Freiheit, das Repertoire der beigefügten CD frei auszuwählen, auf den Weihnachtsfestkreis zu beschränken und die sieben O-Antiphonen des Advent über das ganze Werk verteilt gemeinsam mit Farbbildern der Glasfenster von Bernhard Schlagemann zu präsentieren. Alle notwendigerweise subjektiven Zugänge zu den Texten der Gesänge sind objektiv geerdet: Der Notentext der Gesänge nach dem Graduale Triplex (Hs. Laon weggelassen) oder Antiphonale Monasticum 2005 wurde nach den ältesten Quellen (meist den Vorschlägen aus den BzG folgend) restituiert. Es kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, dass ein spirituell ausgerichtetes, allgemein verständliches Buch endlich einmal kompromisslos den alten Quellen folgt und beim Abdruck der Noten nicht den "leichten" Weg der nächstbesten "offiziellen" Ausgabe einschlägt.

Die deutschen Übersetzungen sind dem Autor außerordentlich gut gelungen, da sie bei aller interlinearen Verfolgbarkeit der lateinischen Klangworte großes Gewicht auf ein bilderreiches Deutsch legen. Seine Münchener Scholaren singen alle 33 Stücke klangschön, professionell und, was gar nicht selbstverständlich ist, in gut erreichbarer absoluter Tonhöhe (meist Tenor a)! Viele gute Gregorianikaufnahmen aus Italien, Deutschland wie Frankreich haben für Übende, und dies sind zuerst einmal Menschen, die nachsingen oder mitsingen wollen, den Nachteil, dass die Profis schwindelerregende Tonhöhen vorgeben und alleine damit viele Laien abhängen. Zwei Kleinigkeiten würde ich selbst anders machen: 1. Außerhalb des klösterlichen Rahmens hätte ich den Sängern die "romanische Aussprache" des Latein zugemutet, weil sie den handschriftlichen Befunden am nächsten steht. 2. Die Psalmverse beim Introitus lassen sich nirgends besser singfertig in restituierter Form finden als im Versicularium (SG 381), hrsg. v. Michael Hermes OSB. Warum Fr. Gregor hier (trotz korrekt neumierter Psalmverse!) dem Graduale Romanum folgt, ist nicht schlüssig.

Die Analyse der Gesänge folgt jeweils dem Schema: Notentext - Textdeutung - Musikalische Betrachtung - Zusammenfassung. Jedes Kapitel ist in sich verständlich und wird bei mehrfachem Hören des Stücks von der CD weiter erhellt.
Der den vier Advents-Introiten je eigene Charakter ist meisterhaft herausgearbeitet, allein schon anhand der sich steigernden Leitmotive: "die Sehnsucht nach Bezug und Licht, nach Heil und Heilung, nach Freude, nach neuem Leben". Auch einem Anfänger mag anhand Baumhofs Ausführungen deutlich werden, dass die Textgestalt der Messgesänge eine oft spannende 'Exegese des Weglassens' einschließt: Der Komponist deutet die Jesaja-Worte des Introitus am 2. Advent von der Vernichtung der Völker um zu deren Heil und Rettung (S. 48).

Das Buch bietet zwar kein Beispiel aus der komplexen Formenwelt des Tractus oder Offertoriums. Dennoch muss dem Anfänger empfohlen werden, nicht gleich mit einem Introitus zu beginnen, sondern den Zugang mittels der treffend gewählten kurzen Antiphonen (S. 33, 62, 117 etc.) zu suchen.

Baumhofs Buch ist für mich eine der wenigen und zugleich bedeutendsten Arbeiten, die nach Jahren einer die Einzelneume "sezierenden" semilogischen Wissenschaft die theologische Zusammenschau wagt. Es bleibt spannend, was wir hier von ihm und anderen Autoren noch zu erwarten haben.

Wer tiefer in die "Theorie" der Gregorianik sich eindenken will, findet im "Anhang" (S. 165 ff.) eine in ihrer Knappheit und zugleich Verständlichkeit sehr gelungene Einführung in Neumen, Notation und Modi. Die Begriffe "Bogenoktav" und "Wellenoktav" werden zwar S. 170 erklärt, sind dem Rezensenten jedoch in bisheriger Literatur noch nie begegnet; die Bezeichnungen "Dorisch", "Hypodorisch" usw. hätten vielleicht durch "Protus zur Quinte", Protus zur Terz" etc. ergänzt werden sollen (vgl. Agustoni/Göschl I, S. 40).

Wichtig scheint mir, dass die Leser dieser Zeitschrift sehr wohlwollend zu Multiplikatoren für dieses Buch werden in ihren Kursen und Seminaren und in ihren Kirchengemeinden und Gruppen den Praxistest wagen, das Werk "unters Volk" zu denjenigen zu bringen, die einen Zugang zu den Gesängen suchen, die aber die lateinische Sprache oder die "besondere Notation" bislang abschreckte. Endlich ist das Buch von der Qualität des Drucks, seiner Bilder und des Einbands her so ansprechend, dass man es in jedem Weihnachtsfestkreis wieder gerne zur Hand nimmt und sich fragt, wann dergleichen zum Osterfestkreis uns geschenkt wird!

Bernhard Pfeiffer