Christoph Münch, Musikzeugnisse der Reichsabtei Lorsch.

Christoph Münch, Musikzeugnisse der Reichsabtei Lorsch. Eine Untersuchung der Lorscher musikalischen Handschriften in der Bibliotheca Palatina der Vatikanischen Bibliothek. Hg. vom Heimat- und Kulturverein Lorsch (Zugl. Magisterarbeit Heidelberg 1992). 135 S., Lorsch 1993 (ISBN 3-922781-20-9).

Sich der Musikpflege in der Abtei Lorsch zu widmen, ist ein gleichermaßen lobenswertes wie mutiges Unterfangen; denn so bekannt die herausragende politische und wirtschaftliche Bedeutung des 764 durch den Grafen Cancor und seine Mutter Williwinda gestifteten Klosters ist, so wenig hat dies bisher zu musikhistorisch orientierten Untersuchungen geführt. In der Neuauflage der MGG sucht man beispielsweise einen Eintrag zu Lorsch noch ebenso vergeblich wie in Fellerers "Geschichte der katholischen Kirchenmusik". Allein H. M. Bannister leistete 1913 mit den Monumenti Vaticani einen Beitrag zur musikalischen Paläographie, der auch eine größere Zahl von Lorscher Handschriften berücksichtigte. Sicher wäre es falsch, in Lorsch eine "Sängerschule" vom Range Metz' oder St. Gallens zu suchen, doch auch die Vermutung, "daß Lorsch [...] zu einem wichtigen Zentrum der Verbreitung des Gregorianischen Chorals in Deutschland wurde" (S. 9), entbehrt, wie Münch einräumt, der Quellengrundlage.

Die vorliegende Arbeit, die den Zeitraum von der Gründung des Nacarius-Klosters bis zum von Gregor IX. befohlenen Austausch der reformunwilligen Benediktiner gegen Zisterzienser 1231/32 betrachtet, ist in zwei Teilen angelegt; der Textteil bietet unter anderem eine eingehende Abhandlung der Lorscher Äbte mit liturgisch/musikalischem Blickwinkel (S.7-28), die freilich über den Musikbetrieb im Kloster, das 951 die Gorzer Reform übernahm und sich Ende des 11. sowie Anfang des 12. Jahrhunderts zugleich der Hirsauer Reform widersetzte, keine neuen Erkenntnisse zutage fördert. Es folgen eine allgemeine Betrachtung über die Art der Quellen, eine Charakterisierung der Lorscher Neumenformen, schließlich eine Übersicht der erhaltenen Lorscher Musikzeugnisse (S. 35/36), inklusive einiger musiktheoretischer Traktate. Bernhard Bischoff nennt in seinem Bändchen über "Die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschriften" die Zahl von 500-600 Codices aus dem 9. Jahrhundert, die sich aus den vier karolingischen Bibliothekskatalogen entnehmen läßt. Ein Teil davon dürfte dem Brand der Klosterkirche und ihrer Nebengebäude 1090 zum Opfer gefallen, einiges wohl auch verloren gegangen sein, als 1557/58 ein Teil der Bücher in die Bibliotheca Palatina nach Heidelberg kam, von wo sie 1623 nach Rom gebracht wurden. Der heutige Lorscher Bestand umfaßt 342 Handschriften bzw. Fragmente, deren größerer Teil sich in der Palatina der Vaticana befindet.

Den gewichtigen zweiten Abschnitt der Arbeit bildet ein Katalogteil, in dem Münch mit großem Fleiß alle 36 Lorscher Palatina-Handschriften, in denen Neumen enthalten sind, ausgewertet hat. Er bietet jeweils eine knappe Beschreibung des Codex, gegebenenfalls mit Literaturhinweisen, um anschließend die Neumenfundstellen mit Text- und Melodieincipit aufzulisten, worauf der vollständige Text und eine kritische Diskussion der jeweiligen Stelle folgt. Zum Beispiel berichtet Münch von Neumen, die sich im Palat. lat. 281 mit den Etymologiae Isidors auf fol.308 r finden inmitten einer Liste von Tieren mit den dazugehörigen Lauten, wie: "lupos - ululare", "serpentes - sibilare", "elephantos - barrire". Doch wie auch in anderen Handschriften, bei denen die Neumen nicht oder nicht plausibel dem Text zugeordnet sind, gibt ihre Bedeutung hier zu Spekulationen Anlaß. Zu den ältesten Neumendokumenten gehört die Sammelhandschrift Palat. lat. 485, die im Katalog mit 860-875 bzw. 11. Jh. datiert ist. Stäblein weist bei ihr auf die "archaischen Neumen", bei denen noch keine rhythmische Differenzierung mittels Episemen etc. ausgeprägt ist (Schriftbild, S. 39). Mönch geht darauf nicht näher ein, klassifiziert die Graphien auf fol.109v/110 jedoch als "frühdeutsche Neumen", die "recht alt zu sein" scheinen.

Von seinem Ziel her erinnert der Katalog, der durch ein nach Gattungen gegliedertes Register erschlossen ist, insgesamt an die Arbeiten des in den letzten beiden Ausgaben der BzG vorgestellten CANTUS-Projektes; er bietet eine Grundlage für die weitere Beschäftigung mit den Gesängen der Lorscher Palatina-Handschriften. Es muß jedoch kritisch angemerkt werden, daß versäumt wurde, den Text vor der Veröffentlichung in Buchform noch einmal zu überarbeiten,- so hätten zahlreiche Orthographica und manche stilistische Schwäche vermieden, der wenig ergiebige Textteil gestrafft und der Gesamtumfang durch Benutzung von Vorder- und Rückseiten halbiert werden können.

Markus Krafczinski