Stiftsbibliothek Sankt Gallen Codices 484 & 381

Stiftsbibliothek Sankt Gallen Codices 484 & 381, kommentiert und in Faksimile herausgeben / edited in facsimile with commentary by Wulf Arlt & Susan Rankin unter Mitarbeit von / in collaboration with Cristina Hospenthal, [3 Bände im Schuber], Kommentar/Commentary [deutsch und englisch], II: Codex Sangallensis 484, III. Codex Sangallensis 381, Winterthur/Schweiz: Amadeus Verlag, 1996. 329 S.; 7 S., p.1-321; 7 S., p. 1-502 (Querformat). Alle drei Bände kosten DM 960,-.

Eine komplette Faksimile-Ausgabe dieser berühmten Codices aus St. Gallen war überfällig. In der praxisorientierten Choralforschung standen SG 381 und 484 immer im Schatten der Gradualien SG 339 und Einsiedeln 121, des Cantatoriums SG 359 sowie des Hartker-Antiphonars SG 390/391, von Handschriften also, die schon 1889, 1894, 1924 bzw. 1900 in der Paléographie musicale - zum Teil unvollständig - veröffentlicht worden waren. Weshalb das so ist, liegt auf der Hand. Die Codices enthalten nicht das Hauptcorpus der liturgischen Gesänge, sondern die eng mit ihnen verbundenen Sequenzen und Tropen. Umso reichhaltiger ist die Literatur in der wissenschaftlichen Choralforschung, angefangen mit der Abhandlung "Histoire de la poésie liturgique au moyen âge: Les Tropes", Paris 1886, von Léon Gautier, die mehr als 30 Seiten aus SG 484 abbildet, über die Analecta hymnica, Schriften Peter Wagners, Bruno Stäbleins und Ewald Jammers' bis zur kritischen Textedition des Corpus Troporum.

Der Inhalt der beiden Handschriften sei kurz aufgelistet. SG 381: p. 5-6, Laudes regiae; p. 6-12, Notkers Brief an Lambert mit der Erklärung der "litterae significativae"; p. 13-22, Missa graeca p. 23-50, Versus; p. 50-141, Versicularium; p. 142-166, Versus, p. 167-169, Computus; p. 195-294, Propriumstropen; 195-324, Ordinariumsgesänge und Tropen; p. 326-498, Sequentiar. Mehrere Seiten enthalten spätere Nachträge. SG 484: p. 4-201, Propriumstropen; p. 202-256, Ordinariumsgesänge und Tropen; p. 258-297, Sequenzenmelodien; p. 298-318, Ordinariumsgesänge und Nachträge.

Besonders interessant für die semiologische Forschung ist SG 381, weil darin ein Versicularium ("Versus ad introitus et communiones", p. 50-141) enthalten ist. Hierzu wurde 1977 am Pontificio istituto di musica sacra, Rom, unter Anleitung von Eugène Cardine eine Magisterarbeit verfaßt (M. L. Pelizzoni: Studio sul Versiculario del Codice San Gallo 381.Vgl. BzG, Sonderheft Eugène Cardine, S. 72), die leider ungedruckt und daher schwer zugänglich ist. In den BzG erschienen in jüngster Zeit Untersuchungen von Michael Hermes ("Das Versicularium des Codex St. Gallen 381", BzG 19 [1995], 29-59) und von Rupert Fischer ("Die Bedeutung des Codex Paris, B. N. lat. 776 [Albi] und des Codex St. Gallen 381 [Versikular] für die Rekonstruktion gregorianischer Melodien", BzG 22 [1996], 43-73).

Die Analysen, die anläßlich der Faksimile-Ausgabe vorgenommen wurden, brachten interessante, ja revolutionäre Ergebnisse zutage. Es konnte nachgewiesen werden, daß beide Codices vom gleichen Schreiber stammen, der sich auch in einer Urkunde aus dem Jahr 926 oder 928 finden läßt. Damit wird zum einen ein Vorgang des Sammelns und Ordnens von SG 484 zu SG 381 sichtbar, zum anderen müssen die Codices erheblich früher datiert werden, als bisher angenommen wurde. Cardine (BzG Sonderheft E. Cardine, 72) hatte das Versicularium "um das Jahr 1000" datiert. Nach "Le Graduel Romain, Les sources (1957)" wurde der Codex SG 381 in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts geschrieben. Heinrich Husmann glaubte die Codices nach einer Palimpsest-Jahrestabelle in SG 381 (Festschrift Hans Engel, Kassel 1964, 188-191) um 980 datieren zu müssen. Nach den neuen Untersuchungen von Rankin und Arlt, die Hermes in seinem Aufsatz (S. 29) bereits anspricht, werden die Codices nunmehr in die erste Hälfte des 10. Jahrhundert datiert, so auch von Andreas Haug ("Gesungene und schriftlich dargestellte Sequenz. Beobachtungen zum Schriftbild der ältesten ostfränkischen Sequenzenhandschriften", Tübinger Beiträge zur Musikwissenschaft, 12, Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1987), der in seine Erörterungen auch semiologische Abhandlungen von Agustoni, Cardine, Göschl und Wiesli einbezieht.

Die Faksimile-Ausgabe darf als mustergültig bezeichnet werden und zwar sowohl hinsichtlich der Qualität der Farb-Abbildungen als auch der wissenschaftlichen Darstellung im Kommentarband.

Günther Michael Paucker