Internationale Gesellschaft
für Studien des Gregorianischen Chorals

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Exaudiam eum

Gregorian Chant for Lent and Holy Week.
Consortium Vocale Oslo. Alexander M. Schweitzer.
Super Audio CD. Lindberg Lyd AS 20©07 (NOMPP0701010) 2L43SACD, Worldwide distributed by Musikoperatorene and www.2L.no: Recorded at Ringsaker church September 2006 by Lindberg Lyd AS: 72'58.


"Er wird mich anrufen, und ich werde ihn erhören, ich werde ihn erretten und ich werde ihn zu Ehren bringen." - "Gott hat ihn erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jedem Namen steht." In diese Spannung von der Bitte um Erhörung mit der Verheißung ihrer Erfüllung und ihrer Vollendung in der Erhöhung Christi ist das Programm der CD gestellt: Der Introitus des 1. Fastensonntags und das Graduale vom (Palmsonntag und) Karfreitag bilden den Rahmen für die übrigen Gesänge: Die ersten drei und der fünfte Fastensonntag sind mit ihren Introitus und jeweils Graduale oder Communio vertreten, der vierte Fastensonntag Laetare mit vollständigem Proprium, Evangelium, Oratio super oblata, Präfation und Ordinariumsgesängen. Den letzten Teil bilden vom Palmsonntag das Offertorium, vom Karfreitag die Improperien (Die Anklagen Jesu an sein Volk), einige Strophen des Hymnus Crux fidelis und das Graduale Christus factus est.

Responsum und Vers dieses Graduale verleihen dem Gegensatz von Tod und Leben, von Kreuz und Auferstehung, von Erniedrigung und Erhöhung in besonders eindrücklicher und suggestiver Weise Ausdruck." So schreibt Alexander Schweitzer im Booklet am Ende seiner Erklärung der "Auswahl der Gesänge". Der Tod und das auf ihn zugehende Leben mit den verschiedenen Ereignissen in dieser Spanne, für den von Gott gesandten Erlöser und für die Menschen in seiner Nachfolge, die Bitte um Erlösung und Hilfe, besondere Einzelschicksale wie das des Blindgeborenen oder des Lazarus, persönliches Leid und Vorfreude auf die Erlösung, das sind wesentliche Themen der Gesänge der CD, die ihrerseits den Inhalt der liturgischen vierzigtägigen Vorbereitung auf Ostern ausmachen. Der liturgische Bezug der Gesänge wird deutlich durch die Beibehaltung ihrer je typischen Formen, wobei den beiden Offertorien je einer der heute nur noch sehr selten gesungenen ursprünglichen Verse hinzugefügt ist. Bei den Gesängen vom Sonntag Laetare wird durch das gesungene Evangelium ein weiterer liturgischer Bezug deutlich, die Bezugnahme der Communio auf den Inhalt des Evangeliums.

Das international hoch anerkannte Consortium Vocale, das männliche Vokalensemble der Kathedrale von Oslo (Norwegen), widmet sich dem gregorianischen Choral seit 1998 unter der Leitung von Alexander M. Schweitzer (Deutschland), wobei der Solist Mario Guillermo Ojeda in der Regel in Venezuela lebt und arbeitet (und dort auch eine sehr anhörbare Choralschola leitet). Weltumgreifend also auch die Zusammensetzung der Schola, nicht nur die Liturgie. Gesamtgruppe und kleinere Solistengruppe (z.B. bei der Introitus- und Communiopsalmodie) singen fast lupenrein homogen, der Solist ist durchweg beeindruckend, wobei sich die Offertorialverse als eine eigene Art der Komposition zeigen.

Die melodische Fassung der meisten Gesänge folgt der Restitution nach den Handschriften, in der manche Irrtümer des vergangenen Jahrhunderts korrigiert wurden, und die großenteils den im Booklet angegebenen "Beiträgen zur Gregorianik" entnommen werden konnte, für die Offertorialverse aber selbständig erarbeitet werden musste. Die Interpretation der Gesänge basiert auf den Angaben der adiastematischen Handschriften des 10. Jahrhunderts. Man hört, wie genau sie studiert sind; jeder Gesang ist im Vortrag ausziseliert, aber dabei ist die Feinheit des Vortrags nicht Selbstzweck, sondern steht im Dienst der Ausdeutung des Textes, ohne dass es im geringsten akademisch wirkt.

Jeder Textzusammenhang ist beachtet, was zusammengehört, bleibt zusammen, notwendiges Atmen ist integriert, je nach Zusammenhang. Melodiebögen und Textbögen lassen den einzelnen Gesang in seiner charakteristischen Individualität in sehr fein differenzierter Dynamik Klang werden. Um zwei Einzelheiten herauszugreifen: Eine nichtkurrente Clivis auf der Endsilbe wird weder zu laut noch zu lang gesungen, so dass die Anbindung an das Folgende gewahrt bleibt. Der kurrente Torculus als Abschluss eines kleinen Melismas z.B. im Graduale Laetatus sum (Tr. 9) auf mihi, pax und abundantia bleibt bei der Gesamtgruppe und beim Solisten so flüssig und leicht, dass man trotz des danach notwendigen Atmens spürt, dass hier keine Unterbrechung stattfindet, sondern ein größerer Zusammenhang gestaltet wird. Die Melismen haben sowohl ihren großen melodischen Bogen als auch ihr fein ausgearbeitetes Relief der kleineren Neumen, von denen sich jede als unentbehrlicher Teil der größeren Einheit erweist, auch die längeren Reperkussionen von sechs bzw. sieben leichten Tönen im Graduale Exsurge Domine ( Tr. 6). Man kann hören, dass auch eine größere Gruppe, nicht nur ein Solist, solche Wiederholungen auf einer Tonstufe "spielend" ausführen kann, aber auch, dass manchmal sogar auch bei kürzeren Reperkussionsfolgen die letzte Note vor dem Abstieg etwas länger genommen wird als durch die adiastematischen Neumen eigentlich vorgegeben.

Das Graduale Exsurge Domine (Tr. 6) ist ein besonders anspruchsvoller Gesang der CD, mit einem großen Ambitus und vielen Melismen, der auch an den Hörer große Ansprüche stellt. Das mag der Grund sein, dass selbst dem Aufnahmeteam beim Abhören oder Schneiden ein Missgeschick unterlaufen zu sein scheint. Im Vers heißt es In convertendo inimicum retrorsum … Beim Abwenden meines Feindes zur Flucht werden sie die Kraft verlieren und untergehen vor deinem Angesicht. Das Wort inimicum - Feind ist ganz sparsam vertont, die Akzentsilbe trägt einen kurrenten Pes, die andern Silben eine Einzeltonneume, d.h. der Feind ist nicht melodisch herausgehoben gestaltet, sondern so zurückgenommen wie möglich; damit scheint sein bevorstehendes Schicksal, zugrundezugehen, durch die Komposition schon angedeutet. Und hier hat die Technik noch mehr getan, die Silbe vor dem Wortakzent existiert nämlich in der Wiedergabe so gut wie gar nicht. Angesichts der Tatsache, dass in allen Gesängen die Silben mit einem Einzelton in der Interpretation sehr sorgfältig gestaltet sind, manchmal sogar mit dem Anflug der Gefahr, zu lang zu geraten, etwa im Introitus Invocabit (Tr. 1), kann hier eigentlich nur ein technisches Versehen vorliegen. Aber wenigstens verstärkt es "nur" die Intention des Komponisten. Damit kein Missverständnis entsteht: Die Leistung des Aufnahmeteams ist hoch anzuerkennen, im Booklet ist von seinem über das Technische der Aufnahme hinausgehenden Interesse die Rede. Ganz wesentlich hat die Aufnahmetechnik (Super Audio CD) ein beeindruckendes Klangerlebnis hervorgebracht, aber die musikalische Voraussetzung hat dafür das Consortium Vocale mit ihrem Leiter und dem Solisten geschaffen. Um zu zeigen, wie beispielhaft und eindrucksvoll Gregorianischer Choral gesungen und interpretiert werden kann, ist diese CD ein hervorragendes Zeugnis.

In einigen Fällen folgt Schweitzer bei seiner Interpretation speziell der Handschrift Einsiedeln 121, z.B. am Ende des Introitus Laetare (Tr. 7), wo es in der Vaticana heißt: damit ihr euch freut und sättigt am Reichtum eurer Tröstung - consolationis vestrae, also der Tröstung, die euch zuteil wird. In Einsiedeln heißt es consolationis eius (wie in der Vulgata) - also: am Reichtum ihrer Tröstung, d.h. der Tröstung, die von ihr, Jerusalem, ausgeht. Beim Introitus Iudica (Tr 16) wählt Schweitzer den in der Handschrift als andere Möglichkeit (vel - oder) angegebenen Psalmvers (42, 2b), der im originalen Psalm zwischen dem für die Antiphon ausgewählten und demjenigen Text steht (Ps. 42,3), der in Einsiedeln als erster Vers angegeben ist, aber in der Vaticana als einziger Psalmvers erscheint. Die Ordinariumsgesänge, die im GT keine Neumen des 10. Jahrhundert aufweisen, teilweise auch in viel späteren Handschriften überliefert sind, werden im Licht der authentischen Gesänge vorgetragen, als ob sie im 10. Jahrhundert aufgezeichnet wären, überzeugend und schön. Und erfreulicherweise ist im eleison das ei als Diphthong gesungen und -lei- nicht als zwei getrennte Silben. Den solistischen Priestergesängen wie Präfation und Evangelium hört man gern zu und spürt die Wirkung eines solchen Vortrags.

Auch wenn man im Booklet den lateinischen Text mitliest und evtl. auch die Übersetzung, man hört, dass Latein Sprache ist und wie schön sie im Gesang klingen und wie man sich daran freuen kann. (Wie vielen angehenden Theologen wird eigentlich neben der Kenntnis auch Freude am Latein vermittelt? Von vergangenen Ausbildungen hat man selten einen solchen Eindruck!)

Das Booklet mit 39 Seiten enthält eine lesenswerte Einführung von Alexander Schweitzer in allgemeine Fragen zu Gregorianischen Gesängen und in spezielle zur Auswahl auf der CD und zu ihrer Interpretation, außerdem Informationen über das Consortium Vocale Oslo und ihren Dirigenten in englischer, deutscher und norwegischer Sprache. Eine Reihe von Photos und Bildern aus späteren Handschriften lockert diese Darlegungen auf. Die lateinischen Texte der Gesänge sind vollständig abgedruckt mit den Übersetzungen in den oben genannten Sprachen.

Heinrich Rumphorst