Gustate et videte

Sonntage im Jahreskreis XI–XV im Gregorianischen Choral.
Schola Gregoriana Monacensis. Johannes Berchmans Göschl. eos-audio. ISBN 978-3-8306-7698-0. EOS CD 7698 © EOS-Verlag. www.eos-audio.com. 1 CD: 70:05.


Die Kapelle des Priesterseminars zu Regensburg bewährt sich mit ihrer Raumakustik auch bei dieser Aufnahme der Schola Gregoriana Monacensis unter der Leitung von Johannes Berchmans Göschl am 4. und 5. September 2014. Verantwortlich für Aufnahme und Schnitt war in bewährter Weise Michael Grobe. Aber Raum und Aufnahmetechnik können die Qualität des Aufgenommenen nicht ersetzen; das brauchen sie auch nicht, denn das Niveau des Gesangs ist hoch. Die aus zehn Herren bestehende Schola singt sehr homogen, legato, mit frischem Klang, so daß es nicht nur eine Freude ist, ihnen zuzuhören, sondern auch ein Gewinn, so überzeugend werden die Gesänge vorgetragen. Die Solisten geben dem Gesamteindruck mit ihrer individuellen Stimmfärbung und Gestaltung den nötigen Klangwechsel. Alle werden den rhythmisch-agogisch und melodisch diffizilen Kompositionen aufs Beste gerecht und geben den jedem Gesang eigenen Charakter wieder; auch bei den (gar nicht so) einfachen Psalmversen sind die klare Aussprache und Phrasierung der Texte überzeugend und erfreulich.

Die Aufnahme gibt den klanglichen Beweis für den hohen Rang dieser Kompositionen, den Johannes Berchmans Göschl in seiner lesens- und bedenkenswerten Einführung zu Recht hervorhebt. Sie stünden „an künstlerischem Niveau in nichts jenen der höchsten Feste des Kirchenjahres nach“ (S. 4). Die Erläuterungen, die er in dem sorgfältig gestalteten Booklet zu den Gesängen gibt, erklären das Verhältnis der nachkonziliaren Ordnung „im Jahreskreis“ zu der vorkonziliaren „nach Pfingsten“ und ermöglichen vor allem ein vertieftes Verständnis der Gesänge; die klaren Übersetzungen der lateinischen Gesangstexte sind eine zusätzliche Hilfe.

Die CD ist die achte in der Reihe der Aufnahmen, die vom EOS-Verlag entsprechend dem 2011 im ConBrio Verlag und der Libreria Editrice Vaticana erschienenen Graduale Novum vorgelegt werden. In der Regel sind es in den einzelnen Gesängen nur wenige Stellen, an denen den alten Handschriften in der Restitution wieder zur Geltung zu verhelfen war; aber manche sind von aussagekräftiger Bedeutung. Das ist bei dieser Aufnahme gleich beim ersten Wort des ersten Gesangs der Fall [Tr.1]: Exaudi Domine vocem meam – Erhöre, Herr, meine Stimme. Während die alte Vaticana, von einem liqueszenten Zusatzton abgesehen, nur eine Rezitation auf fa angibt, die dann auch auf derselben Tonstufe zu der Anrufung Domine hinüberführt, hebt die wiederhergestellte Fassung den Wortakzent von ex-au-di durch ein Terzintervall hervor und setzt die Endsilbe durch einen tieferen Ton von der folgenden Anrufung ab. So hat der Anfang des Introitus ein deutliches und die Wortbedeutung unterstreichendes Relief – bei aller Schlichtheit des Gesangs.

Im Responsum des folgenden Graduale [Tr. 2] wird der Protector noster – Unser Schützer angerufen, auf seine Diener zu schauen. Diese Bitte ist, dem Psalmtext entsprechend, mit zwei Imperativen formuliert: aspice Deus et respice (super servos tuos) – sieh her, o Gott, und schaue auf deine Diener. aspice drückt das Hinsehen, Anblicken aus, respice zwar auch, aber mit dem zusätzlichen Gedanken des (längeren) Beachtens; der unterschiedlichen Nuance ist in der Komposition Rechnung getragen, indem bei a-spice vor allem der Wortakzent melodisch und rhythmisch-agogisch weiter ausgeführt ist, bei respice dagegen der posttonische Akzent etwa gleichwertig dem Wortakzent gestaltet ist. Dementsprechend erklingt der Wortakzent von aspice merkbar intensiver als der von respice, das als Wortganzes mehr zur Geltung kommt. Am Ende des Responsums und auch des Verses hat der Textkompilator bzw. Komponist in Änderung des Psalmtextes die servi, die Diener des Herrn, als Objekt des Schutzes eingesetzt.

Am Anfang des Offertoriums Benedicam [Tr. 4] würde bei dem partiell kurrenten Scandicus, der für den I. Modus typischen Intonationsformel, eine stärkere Profilierung des restitutierten dritten Tons si naturale das dreifache do, das auf Dominum folgt, nachdrücklicher vorbereiten, was entsprechend auch für den In. Suscepimus [Tr. 15] gilt; besser ist das gelungen am Anfang des von Christoph Liebl solistisch gesungenen Alleluiaverses Te decet hymnus [22]. Im genannten Of. Benedicam unterstreicht die hervorhebende Gestaltung von intellectum die Wichtigkeit der vom Herrn gewährten Einsicht, wogegen das in einer tieferen Lage mit einer längeren Tonfolge komponierte ne commovear – damit ich nicht wanke am Ende des Gesangs zu einem nachdenklicher wirkenden Ausdruck gebracht ist.

Von den psalmodisch gesungenen Versen soll der zur Co. Unam petii [Tr. 5] von Stefan Pausch gesungene besonders erwähnt werde: denn er hat ihn mit überzeugender, völlig selbstverständlicher Textgestaltung ohne irgendwelche Künstlichkeit gestaltet. In ähnlicher Weise erhält auch der Alleluiavers In te Domine speravi – Auf dich, Herr, hoffe ich [Tr. 8] von Pausch den überzeugenden musikalischen Ausdruck eines unaufgeregten Vertrauens.

Im Booklet wird (S. 8) darauf aufmerksam gemacht, daß im Vers des Gr. Convertere [Tr. 7] „bei der Textstelle ‚refugium factus es‘ (du bist uns zur Zuflucht geworden) der absolute Höhepunkt des gesamten Stückes erreicht wird“. Das ist vom Solisten Sebastian Schober nicht nur überzeugend und mitreißend gesungen worden. Man fühlt sich geradezu mitgezogen von dem Sog des Gesangs, in dem das Wort refugium – Zuflucht herausgehoben ist und sofort danach mit factus es – bist geworden die tatsächliche Gewährung folgt; es ist keine versprochene, sondern gewährte Zuflucht. Darauf weist der Komponist schon im Responsum voraus: Dort heißt es: Wende dich, Herr, ein wenig uns zu! – Convertere … aliquantulum, nur ein bißchen, nur ein wenig genügt schon, Zuflucht zu sein. Dieses aliquantulum bleibt mit seinem artikulierten Spitzenton auf der Endsilbe nur um eine Tonstufe tiefer als refugium factus es, ist aber so expressiv auf der Endsilbe komponiert und entsprechend von der Gesamtgruppe gesungen, daß man den Hinweis kaum überhören kann.

Ein Teil der Tonfolge von diesem refugium findet sich im Vers des Gr. Venite filii [Tr. 11] in Verbindung mit einem anderen Wort, dem Pronomen eum, mit dem auch der dort vorher genannte Dominus gemeint ist. Aber ein Personal-pro-nomen ist nicht so gewichtig, es steht ja für ein anderes Nomen. Auch wenn dessen erwartete Wirkung im folgenden illuminamini – werdet Licht in Text und Komposition einbezogen ist, bilden diese mit der Tonfolge verbundenen Worte eine nicht genauso dichte Einheit. Der veränderten Situation wird der Solist Sebastian Schober mit der ein wenig zurückhaltenderen Gestaltung hervorragend gerecht.

Das Of. Sicut in in holocausto [Tr. 13] „erinnert an die Brandopfer, die im Tempel von Jerusalem dargebracht wurden, die aber nun der Vergangenheit angehören. Jetzt geht es um das Opfer, das heute (hodie) dargebracht wird. …die Selbsthingabe Jesu am Kreuz, die in der Feier der Eucharistie gegenwärtig wird“. (Booklet S. 9). Die Wichtigkeit des hodie, auf die Göschl hinweist, wird vom Komponisten schon vorher durch den Quintpes bei in con-spectu vorbereitet. Die Schola gestaltet diesen Umschwung überzeugend. Bis unmittelbar zu dieser Stelle erklingt im Gegensatz zur Vaticana vorher noch das sib. In den Worten in conspectu tuo hodie wird die Tonstufe ausgespart und danach wird durchgängig si naturale gesungen, das dem Text und dem Gedanken des Opfers Jesu für die, die dem Herrn vertrauen, eine neue und freudigere Färbung gibt.

Im zweiten Teil der kurzen Co. Inclina [Tr. 14], der sich auf den Tonraum einer Quarte beschränkt, verlangt der Schluß mit der sich auf e-ru-as dreimal wiederholenden gleichen Neume eines Pes subbipunctis im Raum einer großen Terz eine sehr sorgfältige Gestaltung, um Eintönigkeit zu vermeiden. Das ist durch die sehr feine Differenzierung gelungen, so daß das vom Komponisten vertonte eruas eine adäquate und überzeugende Wirkung erhält, da es den bedächtigeren Vorgang des Herausholens bezeichnet statt des Herausreißens (wie in eripias). Überdies ist das Objekt me – mich des Psalms verändert zu nos – uns, da hier nicht der Psalmist, sondern die gottesdienstliche Versammlung gemeint ist.

Im In. Suscepimus [Tr. 15] wird im Mittelteil ein Vergleich formuliert: Wie dein Name, o Gott, so reicht dein Lob bis an die Grenzen der Erde, so lautet im Booklet die Übersetzung von secundum nomen tuum, Deus, ita et laus tua in fines terrae. Wer die beiden Fassungen genau vergleicht, stellt im Deutschen eine sichere Aussage fest: reicht. Die findet sich aber im Lateinischen nicht, da fehlt das Prädikat. Es könnte also auch heißen: Wie dein Name, o Gott, ebenso reiche dein Lob bis an die Grenzen der Erde, also ein Wunsch! Der lateinische Text läßt beide Deutungen zu. Die musikalische Gestaltung läßt das zwar auch offen, aber sie stellt ein eindeutige Beziehung her, die von der Schola klar und mit strahlendem Klang nachvollzogen wird: die Beziehung zwischen nomen, dessen Wortakzent einen Terztorculus trägt mit dem emphatischen hohen mi als zweitem Ton, und dem vergleichenden ita, für das sich der Komponist anstelle des einsilbigen sic einer anderen lateinischen Psalmfassung entschieden hat.

Während für den In. Suscepimus ein zusammenhängender Text ausgewählt wurde, ist der Gesangstext des In. Dum clamarem ad Dominum [Tr. 20] aus fünf getrennten Abschnitten aufeinander folgender Psalmverse zusammengesetzt. Geformt ist ein Text, der mit der Erinnerung an den Ruf um Hilfe vor den Feinden beginnt, über die Gewährung fortschreitet zum Lobpreis und mit der Aufforderung schließt, dem Herrn zu vertrauen. Diese kunstvolle Textzusammenstellung ist als musikalische Einheit komponiert und ebenso überzeugend im Gesang vorgetragen. Gleich am Anfang nach Dominum ist der restituierte Tenor si des III. Modus diejenige Tonstufe, die über eine längere Textauslassung hinweg auf das do des Wortakzents von exaudivit hinführt und so den Zusammenhang herstellt. Die Tonfolge über meam unmittelbar vor einer (weiteren) Textauslassung ist so gesungen, daß sowohl die Phrasierung des Textes zu hören ist als auch der Zusammenhang zum folgenden. Bei den Worten mihi und aeternum findet sich vor einer weiteren Textauslassung die Kadenzformel des III. Modus wie auf enutriet, dem letzten Wort des Introitus. Im Innern des Gesangs wird sie als Verdeutlichung einer Phrasierung gesungen, die kein Ende des Gesangs empfinden läßt. Die Wiederherstellung des Tenors si im ersten Teil des Gesangs hat eine Parallele in der Restitution der modalen Finalisstufe mi, mit der nach dem bereits genannten mihi nach einer Textauslassung der folgende Abschnitt et humiliavit unisonisch zum vorhergehenden beginnt.

Die Co. Qui manducat ist der einzige Gesang dieser Aufnahme, dessen Text dem Neuen Testament entnommen ist. Auch er zeigt Änderungen der originalen Schriftquelle (Io. 6,57), die in der Komposition besondere Gestaltung erfahren. Das Possessivpronomen meam bzw. meum steht im Gesang erst nach dem Beziehungswort; die in der Komposition vorgegebene Steigerung der beiden Wortpaare wird von der Schola nachgestaltet. Auf dem folgenden et ego in e-o werden die beiden nacheinder aufsteigenden kurrenten Porrectusneumen so klar weiterführend gesungen, daß die Einheit mit dem folgenden dicit Dominus deutlich zum Ausdruck kommt. Erleichtert wird diese Verbindung textlich durch die Wortwahl des Pronomens eo (Nominativ: er), das weniger Eigengewicht hat als das in der Schriftquelle gebrauchte illo (Nominativ: jener). Es führt nämlich weiter zu der Nennung dessen, der mit den vorhergehenden meam, meum, me und ego gemeint ist, dem am Ende genannten Subjekt des dicit: spricht der Herr. Dicit Dominus ist übrigens in den Communioantiphonen mit Texten aus dem Neuen Testament eine sich häufiger findende Ergänzung. Die vom Komponisten gewollte enge Verbindung zwischen dem mit eo abgeschlossenen Gesangsteil und dicit wird durch die Restitution des la als des ersten Tons anstelle des sib in der Vat verdeutlicht.

Das hohe Niveau dieser Aufnahme möchte man gerne in entsprechenden Gottesdiensten erleben, weil Schola und Solisten unter der Leitung von Johannes Berchmans Göschl die Gesänge Wort für Wort, Phrase für Phrase, Satz für Satz, musikalisch „ausleuchten“ und ihre Aussagen so zum Klingen bringen, daß sie von Verstand und Gefühl aufgenommen und empfunden werden können. Die Aufnahme hat den Vorteil, daß man sie häufiger hören kann: Es lohnt sich.

Heinrich Rumphorst