Internationale Gesellschaft
für Studien des Gregorianischen Chorals

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Laus mea Dominus

Oldest Gregorian Compositions from Mass, Vespers and Compline.
Consortium Vocale Oslo. Alexander M. Schweitzer

Gaudeamus - CD GAU 304, 2002 ASV Ltd. London, England; LC 07967; 1 CD: 59'54.

Diese CD enthält Messe, Vesper und Komplet nicht die eines bestimmten Tages oder Festes, sondern die entsprechenden Gesänge in einer eigenen Zusammenstellung. Dabei vermitteln alle drei Teile einen echten Eindruck vom Verlauf des jeweiligen Gottesdienstes. Die ausgewählten Gesänge sind aus verschiedenen liturgischen Zusammenhängen zusammengestellt worden. So finden sich die Propriumsgesänge der Messe an verschiedenen Sonntagen im Jahreskreis (Introitus Suscepimus / GT 300, Graduale Dirigatur / GT 340, Alleluia Deus iudex iustus / GT 286, Offertorium Illumina / GT 290, Communio Dominus firmamentum meum / GT 290), vom Ordinarium sind genommen Kyrie, Sanctus und Agnus Dei der Messe Lux et origo (Ed. Vat. I), außerdem Lesung, Evangelium und wenige Priestergesänge. Auch bei Vesper und Komplet folgen die Gesänge dem tatsächlichen Verlauf, sind allerdings bei der Vesper verschiedenen Zuordnungen in der Liturgie des Stundengebetes entnommen. Als besonders erfreulich ist hervorzuheben, daß in den Officiumsteilen die Psalmen vollständig gesungen werden.

"Zu den wichtigsten Auswahlkriterien", heißt es im Booklet, "zählt die Wiedergabe sämtlicher Modi … und die Darstellung eines Großteils der unterschiedlichen musikalisch-liturgischen Genres des gregorianischen Repertoires: von einfachen rezitativen Gesängen, einfacher Psalmodie, Cantica und Hymnen des Offiziums über syllabische Gesänge des Ordinariums bis hin zu den reich auskomponierten, melismatischen Gesängen des Messpropriums." Die genannten Kriterien führen zu einer überzeugenden Zusammenstellung gregorianischer Gesänge. Und wie in einer liturgischen Feier folgen die Gesänge einem inhaltlichen Zusammenhang: Es wird der Gott besungen, der gerecht ist und Erbarmen schenkt, der alles gut macht, dem der Mensch huldigt und bei dem er Zuflucht findet. Wie sich in dieser Zusammenstellung gedankliche Sorgfalt zeigt, die ein gutes und überzeugendes Ergebnis gebracht hat, so zeigen sich Sorgfalt und Engagement in der gesamten Gestaltung einschließlich der Beachtung notwendiger Melodierestitutionen.

Gesungen werden die Gesänge von Gesamtschola und Solisten. Dabei bewältigen die Solisten auch barocke Teile, wie den seit langem aus der Liturgie verschwundenen Offertorialvers, problemlos und eindrucksvoll. Der Gesang der Schola ist sehr homogen, der Klang angenehm ausgeglichen und weich, die Interpretation beruht auf der Grundlage der Semiologie; Phrasierung und Gestaltung folgen ganz dem jeweiligen Text. Drei Beispiele: Der einleitenden Bitte des Offertoriums Illumina oculus meos - Erleuchte meine Augen folgt der Zielgrund dieser Bitte mit den Worten nequando obdormiam in morte - damit nicht irgendwann einmal (= damit zu keinem Zeitpunkt) ich entschlafe im Tod. Dieses nequando mit je zwei Noten mit längeren Werten auf jeder seiner drei Silben durchmißt von der ersten zur dritten Silbe eine Sext abwärts und bringt in seiner eindrucksvollen Gestaltung das ganze intensive Bestreben zum Ausdruck, nie irgendwann von diesem gefürchteten Tod heimgesucht zu werden. (Bei morte wird derselbe Raum der Sext von do bis mi durchmessen, nur mit sehr viel mehr Tönen als bei nequando.) In der Communio Dominus firmamentum meum - Herr, mein Fels stellt die dritte Aussage et liberator meus - und mein Retter mit seiner bewegten Steigerung zum Wortakzent von liberátor hin den Höhepunkt dieser Gesangsaussage dar, und so ist er auch durch die Ausführung der Schola gestaltet. Im Magnificat heißt es: Esurientes implevit bonis: * et divites dimisit inanes. - Die Hungernden erfüllt er mit Gütern, * und die Reichen schickt er leer davon. Die Wörter Esurientes und divites werden ein wenig vom folgenden abgesetzt und damit als bedeutungsstark und als wichtiges Gegensatzpaar deutlich gemacht.

Das Consortium Vocale Oslo, das männliche Vokalensemble der Kathedrale von Oslo, wurde Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts gegründet und widmete sich vor allem dem Repertoire der Renaissance und des Barock. Sein derzeitiger Leiter ist Hans M. Borchgrevink. Seit 1998 widmet sich das Ensemble in regelmäßigen Workshops mit Alexander M. Schweitzer auch der Interpretation des Gregorianischen Chorals. Mit dieser Einspielung wird ein erstes Ergebnis dieser Zusammanarbeit vorgelegt, und man kann nur wünschen, daß weitere folgen. Auch das Booklet ist sehr ansprechend und sorgfältig gemacht. Es enthält informative Erläuterungen in englischer, französischer und deutscher Sprache und alle Texte der Gesänge in lateinischer Sprache mit englischer Übersetzung.

Heinrich Rumphorst