Internationale Gesellschaft
für Studien des Gregorianischen Chorals

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Prope est Dominus

Der Advent im Gregorianischen Choral. Advent in Gregorian Chant.
Schola Gregoriana Monacensis. Johannes Berchmans Göschl. EOS Verlag, St. Ottilien 2011. LC07277. SACD9214. EOSCD7456. ISBN 978-3-8306-7456-6.


Wie schon angekündigt (BzG 51, S. 127), bringt der EOS-Verlag als Begleitung zur Einführung des Graduale Novum eine Serie von CD's heraus, welche im Laufe der Zeit alle Proprien dieses Buches akustisch dokumentieren sollen. Johannes Berchmans Göschl hat mit seiner Schola Monacensis bereits 2010 die drei Weihnachtsmessen und das Proprium von Epiphanie vorgelegt (CD Exsulta filia Sion), 2011 folgte dann die CD mit den Proprien der vier Adventsonntage und der Vigilmesse von Weihnachten, die heute im Missale Romanum als Vorabendmesse des Weihnachtstages firmiert, also als Messe am Heiligen Abend. Die CD trägt den Titel Prope est Dominus - Nahe ist der Herr, genommen vom Incipit des Graduale am vierten Adventsonntag. Die Messen der vier Adventsonntage stehen alle im Graduale Novum, die Vigilmesse von Weihnachten wurde mit ihren restituierten Melodien in der letzten Nummer der BzG vorgestellt. Der Titel dieser CD ist die beste Zusammenfassung des theologischen Programms der aufgenommenen fünf Serien von Propriumsgesängen, die alle auf die Ankunft des Herrn vorbereiten, auf das Fest seiner Ankunft im Fleische, dem Weihnachtsfest, gleichermaßen wie auf seine Wiederkunft in Herrlichkeit am Tage des jüngsten Gerichts. Über die Doppeldeutigkeit dieser Themen schreibt Johannes Berchmans Göschl einen sehr kundigen und inspirierenden Aufsatz im Booklet, welcher die Geschichte des Advent und dessen theologische Entfaltung darlegt. Die insgesamt 25 zu hörenden Propriumsteile werden so vorgetragen, wie sie im Graduale Novum stehen und den teils variablen Ausführungsregeln des Ordo Cantus Missae 1972 entsprechen. Das Alleluia wird diesmal nicht vorgesungen, sondern gleich mit der Schola begonnen, das Offertorium erhält als Zugabe jeweils einen restituierten Solovers, die Verse der Communio folgen dem heutigen liturgischen Gebrauch und nicht den Handschriften, die CD will ja Beispielhaftes für die heutige gottesdienstliche Praxis anbieten, und dies mit einer Spieldauer von fast 77 Minuten. Bemerkenswert ist, dass Göschl nach dem Psalmvers nicht immer die ganze Communio-Antiphon wiederholt, sondern mitunter bei einer Repetenda beginnt, ganz nach mittelalterlichen Bräuchen, wie es z.B. im Graduale von Albi (F-Pn 776) bestens dokumentiert ist. Die Schola singt auf gewohnt hohem Niveau, in Hinblick auf den Sound bleiben kaum Wünsche offen. Bewundernswert sind die hohe Kultur des Legato, die Homogenität des Klanges, das eher tenorale Timbre, die Lebendigkeit des Ausdrucks, die innere Dynamik, die auch zu einer äußeren wird, das Spiel mit den Klangfarben in den Melismen, die Textverständlichkeit. Durch das eher gemessene Grundtempo werden dann auch besondere Emotionen sehr plastisch zum Ausdruck gebracht, wie bei desuper im Introitus Rorate, oder bei surge in der Communio Jerusalem surge. Das in verhaltener Spannung beginnende Offertorium Ave Maria erfährt eine besondere Steigerung, weil es eben nicht schon von Anfang an wild losgeht. Von einer besonderen inneren Dynamik her getragen erweist sich auch der Introitus Hodie scietis. Die verschiedenen Solisten meistern ihre Aufgaben meist mit großer Bravour, freilich nicht immer zu 100% sauber in der Intonation. Dennoch: man hört den Soloversen in Graduale, Alleluia und Offertorium gerne zu, neben der Beherrschung der Techniken eines wort-melodischen Stils haben sie allesamt ein hohes Maß an Musikalität, für die einmal nicht der Text, sondern die künstlerische Intuition und das musikalische Können verantwortlich sind. Die CD soll sein und ist auch ein Musterbeispiel für eine gelungene semiologische Interpretation, für das Umsetzen der von den Neumen kommenden Informationen in ein klangliches Ereignis. Wer, wenn nicht Maestro Göschl, ist dafür eine erste Adresse? Die Flexibilität des gesungenen Wortes anhand einer gekonnten Aussprache des Lateins, die Differenziertheit der Silbenwerte und der Gruppenneumen, die Liebe zum Detail im Kontext eines größeren Satzbogens, all das überzeugt und lädt zur Nachahmung ein. Was dabei im Einzelnen auffällt, kann und soll in einem fachlichen Diskurs zur Debatte gestellt werden. Des Rezensenten Ohr ist manchmal - nicht generell - ob der schwächeren Artikulation einer Akzentsilbe leicht verunsichert, er meint zu hören, dass Betonungen dann auf proparoxytonale Zwischensilben oder Endsilben "umkippen". Als Beispiel könnte man im Offertorium Ad te Domine levavi die Stelle Deus meus anführen, oder das Wort exspectant. Selbiges ist auch in der Communio Dominus dabit bei den Wörtern terra und fructum zur Diskussion zu stellen, wie auch bei den - fast möchte man sagen, dafür schon berüchtigten - petitiones vestrae im Introitus Gaudete. Über die Dosierungen einer Silbenartikulation kann man selbstverständlich unterschiedlicher Meinung sein, reflektiert werden sollte, wie unterschiedlich bestimmte Details wahrgenommen werden können, und welchen Stellenwert diesen "Mikroorganismen" ein Interpret einräumt oder nicht. Auffällig ist der relativ geringe Mehrwert, den die dritte und vierte Note eines Pes subbipunctis bekommen, wenn dieser komplex artikuliert. Als eifriger Leser des "Agustoni/Göschl" habe ich natürlich mit besonderem Interesse studiert, wie wohl die selten vorkommende kurrente Clivis in einer Kadenz, hier bei sta in excelso in der Communio Jerusalem surge sich anhört, dies ist ja ein klassisches Lehrbuchbeispiel (Bd.2/1, S. 159, Nr. 229). Das Weiterdrängen um des Textzusammenhanges willen ist für mich an dieser Stelle nicht unbedingt als heftig zu beschreiben, sollte man hier nicht doch zügiger vorangehen? Dasselbe gilt für prope est => Nihil im Introitus Gaudete, das meinem Empfinden nach un poco piú stringendo gehörte, zumal ja auf est eine kurrente Oriscusclivis in L steht. Das sind sicher Fragen des persönlichen künstlerischen Geschmacks und Ausdrucks, und daher ist es auch interessant, solches zu beobachten. Spannend ist der Vergleich zwischen der CD Gaudete cum laetitia und der CD Prope est Dominus. Göschl hat hier im Abstand von 11 Jahren zweimal das Proprium des dritten Adventsonntags eingespielt. Die Schola ist zwar 2010 nur mehr fast die gleiche wie 1999, aber der Scholaleiter blieb derselbe. Göschl hat seinen Grundansatz der Interpretation en gros und en détail nicht deutlich hörbar geändert, beide Aufnahmen sind einander sehr ähnlich. Das weist auf einen entwickelten Personalstil hin, der Wandlungen zwar zulässt, aber verlässliche Parameter der Wiedererkennung und Identität in sich birgt. Obschon die Interpretation der Stücke nicht weit auseinander liegt, die Tonhöhen beginnen zu wandern. Vor 11 Jahren hat Göschl den Introitus und die Communio des dritten Advent höher singen lassen als heute, das Alleluia dafür tiefer. Die Solisten waren damals vielleicht etwas intonationssicherer, die Schola singt heute aber viel runder und auch sauberer, wenngleich der Tontechniker bei der CD 2011 noch einige leicht unrunde Anfänge hätte "putzen" können. Dessen ungeachtet ist die vorliegende CD von 2010 ein Hörvergnügen und ein gerne empfohlenes Lehrmittel für Interpretationsfragen. Das Booklet ist optisch vorbildlich gestaltet, neben dem Aufsatz von Göschl sind die gesungenen Texte auf latein, deutsch und englisch abgedruckt. Die Übersetzungen sind dem Gegenstand angemessen und gediegen. Ein Detail soll freilich zur Diskussion gestellt werden: In der Communio Ecce virgo concipiet ist der Psalmvers Exsultavit ut gigas wohl nicht im Sinne der historisch-kritischen Exegese auf die Sonne zu beziehen, sondern im Sinne der liturgischen Allegorie auf Christus, der zu Weihnachten aus dem "höchsten Himmel" herausgeht (nicht aufgeht) und auf Erden seine Bahn läuft. Ein mittelalterlicher Theologe hätte das sicher nicht anders gesehen, aber heutzutage in den modernen aufgeklärten Zeiten… Mit der "Urtextexegese" der Psalmen werden wir uns halt schwer tun, die klassische Liturgie zu verstehen. Mit der vorliegenden CD ist der Schola Monacensis und ihrem Leiter wieder ein großer Wurf gelungen, man wird die Aufnahme in mehrfacher Hinsicht mit vielerlei Gewinn hören.

Franz Karl Praßl